Kultur : Schachern und Schäkern

„Mutter Courage“ lebt – und Cornelia Froboess wird in München zur Brecht-Heldin

Mirko Weber

„Entsetzlich“, schreibt Brecht im Sommer 1938, „die Gedichte Shelleys zu lesen (nicht zu reden von ägyptischen Bauernliedern von vor 3000 Jahren), in denen die Unterdrückung und Ausbeutung beklagt wird!“ Er sitzt in Dänemark, weiß, dass er häufig „einseitig“ ist, hat die „Mutter Courage“ noch vor sich und stellt, wie so oft, die richtigen Fragen, ohne Antworten zu wissen: „Wird man uns so lesen“, fährt das Arbeitsjournal fort, „immer noch unterdrückt und ausgebeutet, und sagen: schon damals …?“

Ja, wie wird man das lesen und spielen vor allem, mehr als 60 Jahre nach der Zürcher Uraufführung? Immer steht die Weigel im Weg, wenn sich ausnahmsweise einmal jemand an die „Courage“ macht, und da ist auch die Brecht-Gardine, und da sind die Soldaten aus dem Dreißigjährigen Krieg und die Inhaltsangaben. Selbst Peter Zadek wollte im letzten Jahr im Berliner Deutschen Theater trotz der atypischen Angela Winkler in der Hauptrolle nicht so recht am Modell vorbei. Thomas Langhoff im Münchner Residenztheater will. Ein Kasten mit Motor, wüstensandfarben gespritzt, es könnten Blauhelme drin sitzen, aber es steigen aus Kattrin, Eilif und Schweizerkas, in Ringelhemd und Trainingsanzug und Adidas-Turnschuhen. Die Militärmacht trägt Grau und zahlt in Euro, die Birken wirken realistisch, und das Licht strahlt morgendlich orange, wie es das vermutlich schon im Dreißigjährigen Krieg getan hat. Langhoffs Blick auf das Stück hat etwas ungezwungen Überzeitliches. Es war einmal in Schweden, und ist noch heute so, sonst wo auf der Welt, heute hier morgen dort, an den Bühnenrändern zählen moderne Uhren die Kriegsjahre, 4, 6, 8, 14, und immer so weiter, eigentlich ist es egal.

Und dann entsteigt Cornelia Froboess dem Gefährt, müde und am Ende, aber das ist erst der Anfang, denn jeder Satz von ihr stellt sich quer zu einer Kopie. Cornelia Froboess als Mutter Courage ist ein Original. Unglücklich das Land, das Helden nötig hat, schon wahr, aber hier wäre eine Heldin des Alltags, die Schnapsflaschen öffnet, Campingstühle verstaut, Wäsche aufliest, Gläser spült, Kinder tröstet und mit der Kriegswelt zetert, wenn sie selber mit ihren Geschäften gerade gar kein Auskommen mehr zu finden scheint.

Stille Raserei

Cornelia Froboess spielt die Courage aber nicht als wandelnde Anklage, also als halbmoralischen Totempfahl. Sie ist weniger Botschaft als Allzeitmensch, bauernschlau geerdet, mit Spruchweisheiten gesegnet und überhaupt nie auf den Mund gefallen. Sie ist nicht kühles Programm, sondern leicht erregbare und dann schwer fuchtelnde Person und schon rein äußerlich das Praktische selbst: Gleich zwei Umhängetaschen hängen ihr an der Hüfte, und so gibt es selbst dann noch ständig etwas zu verstauen und umzusortieren, wenn an der Front gerade nichts los ist.

Dann aber bringen die Soldaten den Schweizerkas auf der Bahre, und nun, angesichts des toten Sohns, verfällt Cornelia Froboess in eine ganz stille Raserei, gerade mal, dass die Zunge die Oberlippe nach vorne schiebt, aber es geht etwas Bedrohliches von ihr aus in diesem Moment.

Das Politische ist das Private. Langhoff holt mit dem wunderbaren Ensemble des Bayerischen Staatsschauspiels das Stück allmählich vom Sockel. Er schaut dabei weniger auf die (Kriegs)-Umstände, als vielmehr auf das, was sie aus den Menschen machen: Mitmacher, Dulder, Angepasste, Gestörte, Verrückte. Die Welt von heute schaut also nicht nur die Welt von gestern im Ausnahmezustand an, sondern sich immer wieder selbst zu. Man müsste dem Publikum dazu gar nicht, wie in München, zum Schluss die Scheinwerfer ins Gesicht richten.

Drei Stunden, kaum Längen. Keine Peinlichkeiten. Nur einmal: im allerdings brillant ausgespielten sarkastischen Geschäker zwischen Feldprediger (Nikolaus Paryla) und Koch (Gerd Anthoff) ein bisschen viel Schau. Überdies: von Rudolf Gregor Knabl buchstäblich cool und jazzig eingerichtete Musik von Paul Dessau, und Langhoff kann sich zu Nutze machen, dass Cornelia Froboess über einen einzigartigen Sprechgesang verfügt: „Und blasen ihren kleinen Ton, jetzt kommt er schon“, schnoddert sie zart fühlend alleine vor dem Vorhang.

Auch am Ende ist da nur noch sie. Nach dem Mord an der stummen Kattrin (Lisa Wagner), ausgeführt von einer neuzeitlichen Terroristenarmee, hält die Courage nichts mehr. So schiebt sie in der Eiseskälte ihren Karren weiter, in den nächsten Krieg, der kommt bestimmt, der ist schon da. Und siehe, wie schon den ganzen Abend: Brechts alter Wagen, der rollt.

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