Kultur : Schaden und Schaffen

Anton Vidokles freie Kunst-Universität Berlin

Daniel Völzke

„Das war nicht meine Idee.“ „Was hast du erwartet?“ „Ich kann so nicht arbeiten!“ Die Liste mit 150 Stichpunkten liest sich wie das Satzinventar eines verkaterten Streits; alles klingt nach übler Enttäuschung. Der russische Künstler Anton Vidokle war in der Tat bitter enttäuscht, als die von ihm und den beiden Co-Kuratoren Florian Waldvogel und Mai Abu El Dahab für diesen Herbst organisierte Manifesta VI platzte. Eigentlich wollte das Gespann im Rahmen der europäischen Wanderbiennale eine offene Kunstschule errichten, in der griechisch- wie türkisch-zypriotische und internationale Künstler gleichermaßen lehren, lernen, ausstellen. Als das Trio auch im türkischen Teil der Stadt Lehrstätten plante, sagte die lokale Trägerorganisation Nicosia for Art die Manifesta ab.

Vidokle will nun „die Enttäuschungen des Sommers produktiv nutzen“. Mit Künstlerkollegen wie Martha Rosler, Natasha Sadr Haghighian und Liam Gillick plant er deshalb in Berlin die Gründung einer „freien Universität“, die sich mit Fehlern und künstlerischen Reaktionen beschäftigen soll. Als Ort dafür fand er auf dem Friedrichshainer Platz der Vereinten Nationen einen kastenförmigen Bau, der außerdem Supermärkte und eine Post beherbergt. An zwei Seiten rauscht der Verkehr vorbei, Bewohner der Plattenbauten können von ihren Balkons in die Seminarräume schauen.

„Unitednationsplaza“ nennt Vidokle deshalb seine Uni für visuelle Kultur. Bis Herbst 2008 sollen hier Konferenzen abgehalten werden. Auf dem morgen beginnenden Eröffnungssymposium „Histories of Productive Failures: From French Revolution to Manifesta VI“ spricht Diedrich Diederichsen (www.unitednationsplaza.org) . Es folgt ein Seminar von Boris Groys über Kunst und Markt nach dem Sozialismus. Die Veranstaltungen sind frei für alle, Aufzeichnungen werden im Netz übertragen.

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