Kultur : Schädel, Hirn, Traum

Wie funktioniert das Gedächtnis? Richard Powers’ Roman „Das Echo der Erinnerung“

Gerrit Bartels

Am Anfang waren die Kraniche. Zweimal im Jahr, im Frühjahr und im Herbst, sammeln sie sich zu Hunderttausenden an einem kleinen Abschnitt des Platte River, einem Fluss in der Nähe von Kearney, Nebraska, mitten im Nirgendwo der USA. Sie machen Rast auf ihren Wanderungen von Mexiko nach Alaska und wieder zurück. Es ist ein imposantes Schauspiel: wie sie in Scharen ankommen, wie sie dicht gedrängt am Fluss stehen, wie sie sich auf welches Signal auch immer plötzlich wieder in die Lüfte erheben – seit Urzeiten und vielleicht auch noch in Millionen Jahren, lange „nachdem die Menschheit ihren eigenen Untergang besiegelt hat“, wie Richard Powers in „Das Echo der Erinnerung“ schreibt.

An den Anfang jedes der fünf RomanKapitel hat Powers eine Kranich-Sequenz gestellt. Dicht, poetisch, hochtönend: Es klingt ein Staunen in ihnen darüber an, mit welcher Präzision und Pünktlichkeit die Kraniche ihren Rastplatz aufsuchen, und ein Staunen darüber, was diese prähistorischen und von den australischen Aborigines bis zu Ovid und anderen Dichtern beschriebenen Vögel für eine absolut sichere, unzerstörbare Erinnerung haben müssen: „Kann es sein, dass die Vögel alles speichern, was sie je gesehen haben?“

Anders verhält es sich mit den menschlichen Schicksalen, die bis auf eines allesamt in Kearney verortet sind. „Das Echo der Erinnerung“ ist ein Roman über die Flüchtigkeit und Willkür der Erinnerung; über die Rastlosigkeit der Menschen, die Unergründbarkeit des Ichs. Powers’ Figuren setzen alles daran, diesem Ich und seinen vielfältigen Verzweigungen auf die Spur zu kommen; mit Hilfe von Neurologie und Hirnforschung versuchen sie, jede Lebensäußerung zu ergründen und aus der komplexen Physiologie des Hirns herzuleiten. Ein freier Wille ist eben kein freier Wille. Schon gar nicht, wenn ein Mensch durch einen Unfall aus seinem Lebenszusammenhang gerissen wird und einen Hirnschaden erleidet.

Im Roman widerfährt das dem jungen Mark Schluter. Eines Nachts kommt er mit seinem Truck bei hoher Geschwindigkeit von der Fahrbahn ab, überschlägt sich und überlebt nur knapp, mit schweren Kopfverletzungen. Schluter kommt wieder auf die Beine, doch ihm ist ein Teil der Erinnerung verloren gegangen. Er weiß zwar noch, wer er ist und vorher war, ein ehrgeizloser Mittzwanziger vom Land, Angestellter in einer Schlachtfabrik, aber er erkennt seine Schwester Karin nicht mehr. Er hält sie für eine Agentin oder Schauspielerin, die ihn von seiner „wirklichen“ Schwester fernhält.

Auch in Schluters Umfeld kommen die Gewissheiten ins Wanken. Karin, die dem Bruder zuliebe ihre Karriere aufgibt und in die ungeliebte Heimat zurückkehrt, erlebt zunehmende Ich-Irritationen. Der New Yorker Neurologe Gerald Weber (für den der Neurologe und Bestsellerautor Oliver Sacks Pate gestanden hat) nimmt sich des in der Fachliteratur äußerst selten beschriebenen Falles an; er gerät ebenfalls in eine Lebenskrise. Um diese drei Hauptfiguren gruppiert Richard Powers weitere Personen, die gleichfalls ihre Geheimnisse haben und den Zickzackkurs des Lebens nur allzu gut kennen. Die Krankenpflegehelferin Barbara etwa, die für ihren Job viel zu gut ausgebildet scheint. Oder Karins und Marks alter Freund Daniel, der sich als Umweltschützer und Leiter der Kranichstation erbittert gegen die Bebauung des Flussteils wehrt, an dem die Vögel rasten.

Meisterhaft führt der 49-jährige amerikanische Autor die beiden Stränge Wissenschaft und Leben zusammen. Powers nimmt sich Zeit, baut einen Spannungsbogen (Was passierte wirklich in der Unfallnacht?), erzählt ruhig und gemächlich, manchmal fast zu gemächlich. Da kann es passieren, dass man zweimal lesen muss, was man leichtfertig überflogen hat. Zum Beispiel wenn Mark sagt: „Nichts ist, wie es je war. War wahrscheinlich nicht mal so, als es noch war, wie es war.“ Oder wenn Karin über Mark bemerkt: „Mir gefällt die Vorstellung, die er jetzt von mir hat, besser als die alte, (...), von der ,echten Karin‘. Das gefällt mir, die Erinnerung, die er jetzt an mich hat. Sein altes Bild von mir verteidigt er jetzt gegen jeden. Vor zwei Jahren war er von der alten Karin am laufenden Band enttäuscht.“ Solche Sätze reißen den Leser aus dem sanften Erzählfluss, katapultieren ihn mit voller Wucht in die Wirklichkeit des Romans – und darüber hinaus.

Die Wissenschaften nehmen in Powers’ Werk einen großen Raum ein. In „Schattenfluchten“ – mit dem Roman wurde er 2001 einem größeren deutschen Publikum bekannt – war es die Welt der Computer, der Beginn der Digitalisierung. Ein paar Nerds versuchen, das gesamte kunstgeschichtliche Erbe der Menschheit in einer digitalen Bilderkammer zu spiegeln. In „Klang der Zeit“, seinem Bestseller von 2004, versuchte Powers, die gesamte US-Geschichte des 20. Jahrhunderts entlang von Musik und Kultur, Rasse und Identität zu erzählen. Litt „Schattenfluchten“ darunter, dass sich digitale und kunsthistorische Welt nicht recht zusammenfügen wollten, war „Der Klang der Zeit“ so durchschaubar kulturkonservativ, dass man sich auf der Stelle nach US-Trash-Literatur sehnte.

In „Das Echo der Erinnerung“ gelingt es Powers, das Fachchinesisch der Neurologie mühelos in die Dialoge und inneren Monologe zu integrieren. Nebenher erzählt er vom Hinterland, vom tristen Ort Kearney als einem für Amerika vielleicht prototypischeren Schauplatz als die Ost- oder die Westküste. Hier beharren Leute wie Mark und Karin, mitunter nahe am White Trash angesiedelt, auf ihrem kleinen Glück. Obendrein hält Powers die Balance zwischen Wissenschaftsfanatismus und der Möglichkeit, sich zu bescheiden und den Menschen als zwar zerbrechliches, aber einheitliches Individuum zu betrachten, nicht als Summe einer neuronalen Vernetzung, die nur anatomische Variationen kennt.

„Das Echo der Erinnerung“ ist ein Plädoyer für diese Bescheidung, ein Plädoyer mit den Mitteln der Literatur, ohne wissenschaftsfeindlich zu sein oder die Medizin zu verteufeln. Mark kann mit Hilfe eines Medikaments und leichten Elektroschocks einen Teil seiner Erinnerung zurückgewinnen. Er erkennt Karin wieder. Und die Kraniche kehren zurück und bieten ihr imposantes Schauspiel am Platte River, jedes Jahr neu – auch wenn es ihr Geheimnis bleibt, wie ihr Gedächtnis funktioniert.

Richard Powers: Das Echo der Erinnerung. Roman. Aus dem Amerik. von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. S. Fischer. Frankfurt /M. 2006. 533 S., 19, 90 €.

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