Kultur : Schäfchen zählen

Besichtigung eines Bergvolks: Ben Hopkins’ Film „37 Uses for a Dead Sheep“

Silvia Hallensleben

„Die neun Leben des Thomas Katz“ (2000), Ben Hopkins’ letzter Film, war eine abgedrehte Londoner Apokalypsen–Fantasie. Auch im neuen Filmtitel spielen Zahlen und – diesmal tote – Körper ihre Rolle; übersetzbar ist er nicht, ohne dass er nach Tierkörperverwertungsanstalt klingt.

„37 Uses for a Dead Sheep“: Die beeindruckende Kreativität der Pamir-Kirgisen im Umgang mit ihrem Hauptlebensmittel ist Stichwortgeber für eine Einstiegsszene, in der der britische Regisseur sich selbst im Begriffsduett mit einem der kirgisischen Stammesältesten präsentiert. Ganz schön abgedreht, wie die beiden sich die Namen komplizierter Joghurtspeisen und getrockneter Dungfladenvarianten entgegenschmettern. Leider bleibt nicht nur diese Szene auf der Ebene der lustigen Vokabelschlacht. Auch die anderen Lebensaspekte des von Hopkins vorgestellten Halbnomadenvölkchens bleiben so stereotyp und abstrakt, dass sich bald der Verdacht einschleicht, es könne sich hier um eine Fälschung – ein so genanntes Mockumentary – handeln, und seine Helden seien bloße Erfindung aus dem Stereotypenkabinett exotistischer Fantasie.

Doch die Pamir-Kirgisen gibt es wirklich, und ihre Geschichte ist viel komplizierter, als Hopkins’ holzschnittartige Fabel sie uns vorstellt. Ihr zufolge ist der kleine Volksstamm dreimal vor dem Kommunismus geflohen: erst aus dem sowjetischen Pamir nach China, dann weiter nach Afghanistan und Pakistan. Als hier für das Gebirgsvolk die natur-klimatischen Bedingungen nicht stimmten, wandte sich Stammesführer Haji Rahman Qul mit einem Notruf an die Welt und bekam aus Alaska und der Türkei Siedlungsangebote. 1982 wurden rund 1000 Menschen nach Kurdistan ausgeflogen, wo die türkische Regierung den Pamir-Kirgisen ein Dorf stiftete. Statt des Kommunismus zehrt nun die zivilisatorische Erosion der nahen Großstädte am traditionellen Lebensstil.

Schon diese letzte Reise hat genug Potenzial, Fantasie und Geist nachhaltig zu beschäftigen – schließlich ist die türkische Regierung bisher nicht durch generösen Umgang mit Minderheiten bekannt. Doch für Hopkins scheinen politische Interessen diesseits der kommunistischen Bedrohung nicht zu existieren. Und auch sie erscheint eher als Naturgewalt: Auf Erläuterungen, welche konkreten Konflikte denn die Kirgisen in den Clinch mit Sowjets und Chinesen trieben, wartet man ebenso vergeblich wie auf Einblicke in die soziale Organisation des Stammes selbst.

Doch solch ein klassisch dokumentarischer Film hat Hopkins offenbar nicht vorgeschwebt. „Ein Film nicht über, sondern mit den Pamir-Kirgisen“ sei hier zu sehen, verkündet sogleich ein Off-Kommentar, der in seinem allwissenden Duktus derlei egalitärem Anspruch allerdings bald Lügen straft. Hopkins’ praktische Versuche, ein innerfilmisches Miteinander herzustellen, sind stimmiger, gehen aber in der Einbeziehung der Dorfbewohner in Recherche und Reinszenierung auch nicht über das im seriösen Dokumentarfilm Übliche hinaus. Neben dem Ratschlag der Stammesältesten bedient er sich dabei der Mitwirkung der Dorfbewohner für die aufwändige Reinszenierung vermeintlicher historischer Schlüsselszenen, wie sie derzeit in halbseidenen TV-Dokumentationen wieder in Mode kommt. Bei Hopkins werden sie spielerisch in unterschiedlichen Filmstilen verarbeitet: ein sowjetischer Mordanschlag als Stummfilmdrama. Und der große Auszug der Kirgisen wird mit Massenkomparserie für die Super-8-Kamera inszeniert.

Amüsant ist das schon, Erkenntniswert hat es wenig, zumal kein erkennbarer Zusammenhang zwischen Inhalt und Stil festzustellen ist. Und auch die von Hopkins humoristisch – und egozentrisch – ausgestellte Einbeziehung des künstlerischen Schaffensprozesses in den Film selbst ist in Zeiten des Making-of längst eine dokumentarische Standardsituation. Und vorgetäuschte Offenheit noch dazu: Als eine einzelne Kirgisin einmal ernsthaft inhaltlich gegen das Filmprojekt Einspruch erhebt, wird sie vom Filmemacher nicht einmal einer Antwort gewürdigt. Vielleicht ist das ja das größte Handicap von Hopkins Film: die unterliegende Vorstellung, ein Stammesvolk habe so etwas wie eine einheitliche „eigene Geschichte“, die es nur aufzusammeln und zu erzählen gälte.

In Berlin in den Kinos Broadway, fsk und Hackesche Höfe (alle OmU)

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