Kultur : Schäkern und streiten

Freundinnen: „Zwei Mädchen aus Istanbul“

Daniela Sannwald

Hysterisch sind sie, laut und wild, die beiden 18-Jährigen: Erwachsen wollen sie sein – und dann auch wieder nicht, denn zu Hause bei Mama ist es auch schön. Findet jedenfalls Handan, ein reizendes Püppchen, nach dem sich die Männer genauso umdrehen wie nach ihrer ebenso blonden, weit üppigeren Mutter. Die verdient den Lebensunterhalt mit Prostitution auf sehr hohem Niveau, muss allerdings die zahlungskräftigen Sugardaddys immer öfter jüngeren Konkurrentinnen überlassen. Auch Tochter Handan – vaterlos aufgewachsen – denkt, dass es im Leben eben so geht: ein bisschen Dekolleté zeigen, ein bisschen lasziv mit dem Bein wippen, und schon stehen zahlungswillige Männer Schlange.

Behiye ist ihr Gegenentwurf: Mit Klamotten von ausgewählter Scheußlichkeit stiefelt sie durchs kleinbürgerliche Wohnviertel, zornig auf die ganze Welt und besonders auf ihre Familie, ohne richtig zu wissen, warum. Also fängt sie überall Streit an. Als sie der niedlichen Handan begegnet, ist sie fasziniert und neugierig. Eigentlich müssten sich die beiden scheußlich finden – aber da sich ihre unbestimmten Sehnsüchte ähneln, werden sie schnell Freundinnen.

Zwischen den Hochhausvierteln im Westen Istanbuls und den Neureichenvillen am Bosporusufer streifen die Frauen fortan gemeinsam umher, verfolgt von einer hektischen Kamera und angetrieben vom Orient-Punk der Kultband Replikas. Manchmal sind sie ein bisschen verliebt, vielleicht ins Leben, vielleicht in einen der Jungen, denen sie begegnen, vielleicht sogar ineinander – vor allem aber sind sie verwirrt von der Vielzahl möglicher Lebensentwürfe, von denen doch keiner so recht passen will.

Kutlug Ataman hat 1999 zwischen Kreuzberg und Neukölln „Lola und Bilidikid“ gedreht, mit dem er in die türkische Schwulensubkultur eintauchte. „Zwei Mädchen aus Istanbul“ ist noch urbaner und rastloser. Mit ihrem Schwanken zwischen Verzweiflung und Hybris scheinen die beiden Heldinnen das türkische Nationalgefühl beinahe archetypisch zu repräsentieren.

fsk am Oranienplatz (OmU)

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