Kultur : Schätze für tausend Augen

Der Libanese Amin Maalouf stellt in Berlin seinen Roman „Die Spur des Patriarchen“ vor

Jacques Naoum

Das Publikum im Berliner Institut Français feiert ihn wie einen Popstar. Amin Maalouf, der meistgelesene zeitgenössische Schriftsteller aus dem Libanon, hat seinen Roman „Die Spur des Patriarchen“ mitgebracht, für dessen französische Originalfassung „Origines“ er im vergangenen Jahr den Prix Méditerranée erhielt. Mittlerweile in fast vierzig Sprachen übersetzt, gehört er zum Besten, was der 1949 in Beirut als Angehöriger der christlichen Minderheit geborene Maalouf geschrieben hat. Und die Liste seiner Werke ist lang: Sieben weitere Romane, angefangen mit „Leo Africanus – Der Sklave des Papstes“ über die Geschichte der Kreuzzüge aus der Sicht arabischer Zeitgenossen bis zu „Die Reisen des Herrn Baldassare“, dazu Essays und Opernlibretti hat der seit 1976 in Paris lebende Schriftsteller in französischer Sprache veröffentlicht.

„Die Spur des Patriarchen“ spielt, wie Maalouf in Berlin erklärt, „in einer der dunkelsten Epochen meiner Berge, während des Massakers 1860, bei denen Tausende unter schrecklichsten Umständen ermordet wurden.“ In dem Winkel des Gebirges, in dem der christliche Clan der Maaloufs lebte, ging es während des grausigsten aller Bürgerkriege allerdings ruhig zu. Er galt als sicherer Zufluchtsort, in dem sich Scharen von Familienangehörigen und Freunden gesammelt hatten, bis eines Tages auch dort Alte und Junge, Männer und Frauen niedergemetzelt wurden. 120 Jahre später wiederholte sich die Szene, als 1975 bewaffnete Banden der Muslime die Christen der Region niederstreckten. Amin Maalouf geht es in seinem Roman aber nicht um die Geschichte seines Landes, in dem der Bürgerkrieg der Normalzustand ist, sondern um eine autobiografische Familiensaga.

Ausgangspunkt seiner Geschichte um die Maaloufs, die im 18. Jahrhundert als nomadisierender Stamm aus Syrien in den Bergen des Libanon ihren Wohnsitz nahmen, bildet eine alte Truhe, deretwegen der Autor, kaum hat er von ihr Kenntnis erhalten, aus Paris in seine alte Heimat zurückkehrt. Aus ihr ergießt sich eine wahre Flut von Dokumenten, Papieren, Tagebüchern und Fotos; Material für Tausende von Augen, wie Maalouf schreibt. Nachdem er alles geordnet hat, macht sich Maalouf an die Arbeit: Mit dem Patriarchen Tanios, dem Neubegründer des Clans im 19. Jahrhundert, nimmt er den Faden der Familiengeschichte in die Hand. Doch schnell verknäult er sich. Angehörige emigrieren in alle Welt, nach Kuba und nach Afrika, in die USA und nach Frankreich, wohin ein ferner Cousin in den zwanziger Jahren emigriert und später in den Reihen der Resistance kämpft.

Sich ohne große Umstände die Lebensart der Gastländer anzueignen, ist ein allgemeiner Zug der Maaloufs – wie der meisten libanesischen Auswanderer. Im Lauf der fast 500-seitigen genealogischen Spurenfindung erzählt der Roman vom Alltag in der Levante in den letzten zweihundert Jahren, von religiösen Fanatikern und Freidenkern, von der Verlobung des Patriarchen Tanios nach einem Sechs-Stunden-Marsch zu seiner Verlobten Sousan oder davon, wie ihm die kranke Großmutter den Tod seines Vaters verheimlicht. Es ist die Szene, mit der Maaloufs Roman beginnt und endet.

Solche Geschichten sind es, die über die Religionszugehörigkeit hinaus doch so etwas wie eine libanesische Identität entstehen lassen. Eine Identität, die mit dem, was im politischen Jargon von Integration, Multikulturalität oder Fundamentalismus verhandelt wird, nicht aufgeht – all dem also, womit die halbe Welt nach dem 11. 9. 2001 erklärt wird.

Amin Maalouf: Die Spur des Patriarchen. Die Geschichte einer Familie. Aus dem Franz. von Ina Kronenberger. Insel Verlag, Frankfurt a. M. 2005. 475 Seiten, 24,80 €.

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