Kultur : Schafe im Wolfspelz

Von Denis Scheck, Literaturkritiker

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Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ (Heute Abend, 23. 30 Uhr, u.a. mit Sibylle Lewitscharoff, Ilija Trojanow und Thomas Müller)

 Zum Thema Tagesspiegel Online: Literatur Spezial
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10) Ingrid Noll: „Ladylike“

(Diogenes Verlag, 336 S., 19,90 €)

In Ingrid Nolls Welt gelten die Gesetze von Rotkäppchen und der Wolf: Hinter jeder harmlosen Omi lauert ein gnadenloser Killer. Natürlich ist das eine Masche. Aber diese „Da-schau-her-so-pfiffig-morden-unsere-Alten“-Masche funktioniert prächtig. Weil in „Ladylike“ aber zu viel gepredigt und philosophiert wird, ist dieser Krimi ein eher laues Vergnügen.

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9) François Lelord : Hectors Reise

(Deutsch von Ralf Pannowitsch, 187 S., 16,90 €)

Einer der Merksätze in François Lelords Glücksfibel lautet: „Glück ist, wenn man eine Beschäftigung hat, die man liebt.“ Darin stimme ich Monsieur Lelord voll und ganz zu. Und deshalb bin ich glücklich, schreiben zu dürfen, dass diese Herzensergießungen eines frustrierten Psychiaters über das Geheimnis des Glücks vielen zwar als Balsam für die Seele gelten, auf mich aber eher wie Schmirgelpapier fürs Gemüt wirken.

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8) Leonie Swann: Glenkill

(Goldmann Verlag, 371 S., 17,90 €)

Noch ein Krimi, der nach einer Masche funktioniert: „Glenkill“ ist ein Tierkrimi. Der Schäfer liegt tot mit einem Spaten im Leib auf der Weide, ein Schaf spielt Detektiv. Was sich daraus entwickelt, ist große Unterhaltungsliteratur: „Stellt euch vor, ihr lebt in einer Herde, und eines Tages entdeckt ihr, dass die anderen gar keine Schafe sind – sondern Wölfe.“ Exakt so fühle ich mich, seit ich lesen gelernt habe. Schön, das endlich einmal präzis ausgedrückt zu finden.

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7) John Irving: Bis ich dich finde

(Deutsch von Dirk van Gunsteren und Niklaus Stingl, Diogenes Verlag, 1140 S., 24,90 €)

Ich habe John Irvings Romane einmal sehr geliebt. Diese Liebe wurde oft enttäuscht. Endgültig zum Erlöschen gebracht hat sie aber erst dieses auf 1140 monströse Seiten aufgeblähte Skurrilitätenkabinett um Tätowierer, Schauspieler und sexuellen Missbrauch. Irving kann besser schreiben als alle anderen Autoren auf dieser Bestsellerliste. Dennoch ist sein Roman der schlechteste. So haltlos, selbstverliebt und undiszipliniert wie in diesem Buch war Irving noch nie.

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6) Cecelia Ahern: Zwischen Himmel und Liebe

(Deutsch von Christine Strüh, Krüger Verlag, 398 S., 19,90 €)

Ivan, eine Mischung aus Mein-Freund- Harvey und einem Engel, gibt in diesem Roman einer jungen stressbeladenen Frau ihre Unbeschwertheit zurück. Die natürliche Heimat von Aherns irischen Schmachtfetzen auf dem Regal ist jene freie Stelle, wo noch keine Monchichi- Puppe, kein Glücksbärchi und keine Diddlmaus steht. Angeblich ist dies ein Frauenbuch. Ich habe nur ein Buch für Sklaven gelesen – Sklaven, die die Sklaverei lieben.

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5) Henning Mankell: Kennedys Hirn (Deutsch von Wolfgang Butt, 400 S., 24,90 €)

Eine Archäologin will nicht glauben, dass ihr Sohn Selbstmord begangen hat. Ihre Ermittlungen führen sie rund um die Welt und ins Zentrum finsterer Machenschaften internationaler Pharmakonzerne. Mankells sozialkritischer Krimi über eine Frau, die das Gruseln lernt, überzeugt, weil er das Böse in Strukturen, nicht in Personen schildert.

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4) Bernhard Schlink: Die Heimkehr

(Diogenes Verlag, 384 S., 19,90 €)

Der Roman war schon immer ein Vehikel zur Erörterung moralischer Fragen. Genau das ist auch das Programm des Erzählers Bernhard Schlink. Unglücklicherweise greift er dabei ausgerechnet auf die Nazizeit zurück, also jene Epoche, während der Gut und Böse so eindeutig getrennt waren wie nie zuvor oder seither. Schlinks bedauernswerte Romangestalten müssen Biografien mit sich herumschleppen, die wie Fallbeispiele aus der Gewissensprüfung eines Wehrdienstverweigerers wirken.

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3) Stephen King: Puls

(Angeblich Deutsch von Wulf Bergner, Heyne Verlag, 530 S., 19,95 €)

Ein Anruf verwandelt alle Handybesitzer von einer Minute zur anderen in Zombies. Das passiert auf der ersten Seite dieses Romans. Dann folgen 500 Seiten, in denen King das Abschlachten dieser Zombies schildert. Auf der letzten Seite wählt der Held dann eine Telefonnummer. „Er sah auf das Display über dem Tastenfeld. Dort standen die Ziffern 911 so deutlich und schwarz wie irgendein erklärtes Schicksal.“ Diese plumpe Referenz auf die Terroranschläge Al Qaidas ist der jämmerliche Versuch, diesem Splatter- Buch einen Hauch von Relevanz zu verleihen. Eines immerhin beweist diese öde Schwarte: Stephen King kann selbst ein Telefonbuch zum Bestseller machen.

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2) Dan Brown: Sakrileg

(Deutsch von Piet van Poll, Lübbe Verlag, 605 S., 19,90 €)

Fühlen Sie sich bedroht? Haben Sie den Eindruck, man hätte sich gegen Sie verschworen? Dass alle hinter Ihnen her sind? Dann haben Sie im wirklichen Leben ein Problem. In der Literatur aber ist Paranoia die denkbar beste Voraussetzung, um einen genialen Kolportageroman zu schreiben. „Sakrileg“ ist dieser Roman: abstruser Schund, aber spannend.

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1) Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

(Rowohlt Verlag, 304 S., 19,90 €)

Vom epistemologischen Widerstreit zweier Methoden zur Aneignung von Erkenntnis handelt dieser schöne historische Roman. Das war literaturkritisch. Und jetzt auf Deutsch: Kehlmann erzählt über den Entdeckungsreisenden Alexander von Humboldt und den Mathematiker Carl Friedrich Gaus lustige und lehrreiche Sach- und Lachgeschichten.

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