Kultur : Schaffe, schaffe

Bernhard Schulz

Die Zersiedelung im Umkreis der Städte ist notorisch - doch "das freistehende Eigenheim bleibt der Wohnungswunsch Nr. 1 der Bevölkerung", wie Stefan Krämer von der Wüstenrot-Stiftung nüchtern feststellt. Die Stiftung - Eignerin der bekannten, gleichnamigen Bausparkasse - finanziert Forschungen im Bereich des Wohnungswesens, und als jüngste Frucht stellte sie jetzt in der Technischen Universität das Vorhaben "Suburbaner Städtebau in Deutschland" vor. Wie der Herausgeber und Projektleiter Tilman Harlander, Stadtplanungsprofessor in Stuttgart, darlegte, kommt das Häuslebauen in der Fachdiskussion allenfalls unter negativen Vorzeichen vor. Das Interesse galt stets dem Geschosswohnungsbau sowie dem Sozialen Wohnungsbau. Ein Blick auf die Geschichte der Suburbanisierung belegt aber nicht nur eine eindrucksvolle historische Ahnenschaft bis zurück zu den "Lusthäusern" des ausgehenden 16. Jahrhunderts, sondern seit dem Ende des 19. Jahrhundert auch eine enorme planerische und gestalterische Vielfalt. Dominierten zunächst die gutbürgerlichen "Villenkolonien" privater Entwickler, traten in der Weimarer Republik die "Kleinsiedlung", in der Weltwirtschaftskrise schließlich die "Erwerbslosensiedlung" in den Vordergrund, ehe der Siedlungsgedanke unter dem NS-Regime zur "Wiederverwurzelung mit der Scholle" umgebogen wurde. Erst in der Nachkriegszeit setzte das überwiegend ungeplante Wachstum des Eigenheimbaus als Korrelat der durchgängigen Motorisierung ein. Dabei gibt es durchaus Beispiele dafür, "dass die städtebauliche und gestalterische Qualifizierung des suburbanen eigentumsorientierten Wohnungsbau mit individuellen Bauherren durchaus realisierbar ist", wie Christina Simon im Buch schreibt. Das hoffnungsfrohe Resümee dürfte im Sinne der Wüstenrot-Stiftung sein - ganz unabhängig davon, dass sie ohnehin die breite Mehrheit der Deutschen auf ihrer Seite weiß.

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