• Schaffen und Abschaffen: Till Ansgar Baumhauer und Sybil Kohl in der Berliner Guardini Galerie

Kultur : Schaffen und Abschaffen: Till Ansgar Baumhauer und Sybil Kohl in der Berliner Guardini Galerie

Knut Ebeling

Regime setzten der Wissenschaft Grenzen. Diese Erfahrung musste nicht nur der Kunsthistoriker und Religionsphilosoph Romano Guardini (1885-1968) machen, als er 1939 an der damaligen Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität von den Nazis Lehrverbot erhielt. Dass auch Räume Grenzen setzen, kann derzeit in der Galerie der nach dem Philosophen benannten Berliner Kultur-Stiftung erfahren werden.

Die Erfahrung der Begrenztheit ihrer alten Ausstellungsräume am Tempelhofer Ufer hatte die Guardini-Stiftung Anfang des Jahres bewogen, an den Askanischen Platz zu ziehen. Gemeinsam mit dem Italienischen Kulturinstitut unterhält die Stiftung im Erdgeschoss eine Galerie. Als erste Überraschung erwartet den Besucher erfreuliche Aufgeräumtheit. Das mag auch an der aktuellen Ausstellung des jüngst ins Leben gerufenen "Jungen Forums" liegen, deren klares Konzept auf den ersten Blick überzeugt. Zur Premiere wurden zwei junge Künstler geladen. Till Ansgar Baumhauer und Sybil Kohl bauen beide Räume. Und nicht nur das - sie bauen mit den Räumen auch Grenzen, Grenzen, die nicht als Ende, sondern auch als Anfang gedeutet werden können.

Bei Baumhauer lassen sich Ende und Neuanfang im Werk des italienischen Komponisten Carlo Gesualdo (1564-1613) verorten, dessen µuevre der junge Künstler seit Jahren obsessiv umkreist. Das Schaffen des schillernden neapolitanischen Prinzen und späteren Komponisten beginnt, nachdem er seine Frau und deren Liebhaber, die er in flagranti erwischt hatte, kurzerhand aus der Welt geschafft hatte. Der Anblick des Gemetzels soll scheußlich gewesen sein. Diese heißblütigen Gefühle setzt Baumhauer kühl um. Auf der einen Seite des Galerieraums baut er der Passion und Isolation Gesualdos ein Mausoleum in Form einer schalldichten Kabine. Ausgehend vom Zusammenhang zwischen Schaffen und Abschaffen bindet sein mit schwarzen Fliesen beklebtes Solo-Mausoleum die Schwingung an den Stillstand und den Ton an die Taubheit. Der schwarze Kasten erinnert auch an Beichtstühle und sadomasochistische Auswüchse, die dem Exzentriker nicht fremd gewesen sein sollen.

Kohl retourniert souverän. Aneinander steigern sich beide Positionen zu Glanzleistungen. Kohls begehbare Installation ist schlicht ein funkelndes Juwel. Den schwarzen Fliesen des Gesualdo-Memorials setzt sie eine begehbare Ecke aus Styrodur entgegen. Das Provisorische des blassgrünen Modellbaumaterials kontert die Abgeschlossenheit von Baumhauers Konstruktion. Wenn man zu stark anstößt, wackeln die Wände.

Der Clou von Kohls Arbeit ist die Begehbarkeit ihrer Ecke. Ihre coole Intervention verwandelt die Grenze des Winkels in einen Raum. Jeweils zwei Wände formen eine Art abknickenden Tunnel. Man kann ins Niemandsland ihrer Grenze hineinkriechen und sich in ihm umschauen. Die Grenze ist selbst eine Welt. Berliner wissen besser als andere, dass jede Mauer selbst eine Ausdehnung hat und sogar Mauerstreifen begehbar sein können.

Während sich die Schultern an den Wänden reiben und man an Bruce Naumans Korridore denkt, entdeckt man die filigranen Architekturzeichnungen, die die Bildhauerin an die Wände gepinnt hat. Ihr Korridor lässt gerade so viel Sichtabstand, um die Inschriften in den Zeichnungen entziffern zu können. Weitsichtige werden das eingefügte Heidegger-Zitat kaum entziffern können, das verdeutlicht, dass Kohls Thema nicht wie bei Nauman Body-Art, sondern vielmehr Art and Architecture ist. Ihre Zeichnungen - Zitate von Innenräumen quer durch die Architekturgeschichte - illustrieren das Heidegger-Wort: Der Raum ist eine Grenze. Und die Grenze ist nicht nur Ende, sondern auch Anfang.

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