Kultur : Schalk auf Tretminen

Thomas Quasthoff bei den Wühlmausen.

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Foto: André Rival/promo
Foto: André Rival/promo

Am Anfang gleich mal die „Winterreise“: „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus.“ Doch halt! Wollte Thomas Quasthoff nicht mit dem Liedgesang aufhören? Hat er auch, von der Bühne lässt er trotzdem nicht. Also Berlinerisch: „Ick hab ma’ ausjezochen, ick zieh’ ma’ wieder an.“ Bloß keine Kunst. So heißt das Programm, mit dem er zwei Tage bei den Wühlmäusen aufgetreten ist: „Keine Kunst“. Quasthoff hat sich dazu mit Michael Frowin zusammengetan, Pianist Jochen Kilian komplettiert das Trio. Grob folgt der Abend einer roten Linie, nämlich der Frage, was Kunst ist und was nicht.

„Du bist ein toller Liedsänger, aber du wärst auch ein glänzender Kabarettist geworden“, soll Brigitte Fassbaender zu Quasthoff gesagt haben. Man ahnte es, jetzt der Beweis: Dem contergangeschädigten Sänger und „Hanns Eisler“-Professor sitzt der Schalk im Nacken, mit bewundernswertem Selbstbewusstsein geht er in die Offensive, watschelt als cholerischer Breitmaulfrosch und hyperventilierendes Riesenbaby mit Schlitzaugen über die Bühne, seine Stummelärmchen rudern wie Flügelchen beim Versuch, sie auf den Flügel zu legen. Lachen ist erlaubt – und einkalkuliert.

Täuschend echt parodiert er Helmut Kohl („Das Problem der Tretminen lässt sich nur Schritt für Schritt lösen“) oder einen Wiener Bildungsphilister („Der Schnurpsbichler, ich sag’s ihnen, der Schnurpsbichler ist einfach großartig … der hat die Rolle einfach geschnurpst!“). Höhepunkt: Quasthoff als Gastgeber einer Kochshow. „Und dann schälen Sie die Kartoffeln und geben Sie ins heiße Wasser? Und das Wasser muss vorher kochen? Unglaublich. Danke, dass Sie diese Finesse mit uns teilen!“

Sein Partner Michael Frowin dient da eigentlich nur als Stichwortgeber.Aber die Reaktionen, die seine Worte in Quasthoffs Mimik hervorrufen, sind schon zum Lachen. Die Rheinländer halten sich ja generell für humorbegabt (Frowin begann am Düsseldorfer „Komödchen“), aber über deren Humor kann schon in Westfalen keiner mehr lachen – um wie viel weniger in Berlin. Quasthoff dagegen ist selbst dann zum Brüllen komisch, wenn er gar nichts sagt. Zwiespältig allerdings sein Jazzgesang. Zu gepresst kommen die Töne, die eigentlich nonchalant fließen müssten. Aber dann macht er wieder auf Kabarettist, fängt beim Anblick der verhassten Blockflöte zu winseln an, und das Publikum liegt unterm Stuhl.

Ein Unbehagen bleibt trotzdem. Schlüpft da nicht ein Behinderter in die Rolle des Hanswurst und erteilt den Nichtbehinderten die Absolution, über ihn zu lachen? Mag sein, aber Krankheit ist für Quasthoff auch eine Qualität, weil sie den Menschen in den Zweifel treibt – und antreibt. „Schubert, Schumann, Nietzsche“, sagt er, „es waren immer die Kranken, die uns vorangebracht haben.“ Sportler machen keine Kunst. Udo Badelt

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