Schamanismus : Hilfe vom Heilzwerg

„Ich danke den vier Winden, den Nebeln, Wolken, dem heiligen Regen.“ Schamanismus ist das neue Yoga: Auf den Spuren einer uralten Behandlungsmethode.

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Gespräche mit Geistern. Schamanin Anja Gundelach.
Gespräche mit Geistern. Schamanin Anja Gundelach.Foto: Thilo Rückeis

Trolle, Kobolde, sprechende Tiere, Geister aus vergangenen Zeiten – seit Ewigkeiten finden Menschen Gefallen an Erzählungen aus dem Reich des Übersinnlichen. Die erfolgreichste ist wahrscheinlich Tolkiens „Der Herr der Ringe“. Millionen haben seine Bücher verschlungen. Die Verfilmung des „Kleinen Hobbits“ wurde kürzlich zur Trilogie ausgeweitet, der erste Teil startet im Winter. Was aber, wenn die Fiktion real ist?

„Es gibt ein Bild von Tolkien, auf dem er an einem Baum lehnt, raucht und schreibt. Vor ihm steht ein Zwerg, der ihm den ,Herrn der Ringe’ diktiert. Das ist für mich nicht abwegig“, erzählt Andreas Krüger. Er weiß, dass manche ihn für solche Aussagen schräg anschauen, doch der 58-Jährige hat sich an Skepsis gewöhnt. Er ist von Berufs wegen in ständigem Kontakt mit Geistern. Andreas Krüger ist Schamane. Seit 1988 leitet er die Samuel-Hahnemann-Schule, eine staatlich anerkannte Heilpraktikerschule in Berlin, auf der westliche und östliche Naturheilkunde gelehrt wird. Seit fünf Jahren auch Schamanismus.

Mit Berliner Schnauze erklärt Krüger in seiner Charlottenburger Praxis, dass der Schamane ein Vermittler zwischen der sogenannten alltäglichen und der nicht alltäglichen Welt sei, die gleichzeitig existieren. In der nicht alltäglichen Welt „leben in unseren Bäumen Elfen, sitzen gerade neben Ihnen zwei Heilzwerge, steht meine Silberwölfin hinten in der Ecke und heilen meine Eichhörnchen das Knieleiden einer Patientin.“ Seine Geister seien seine „Kompetenzler“. Mit ihnen tritt er in Kontakt, um zu heilen. Während etwa in der Schulmedizin oftmals Stress als Ursache für Krankheiten wie Migräne oder Magengeschwüre herhalten muss, gehen Schamane, Patient und die Geister zusammen auf die Suche nach den Ursachen der Krankheit. Psyche und Körper gehören wie in der Homöopathie fest zusammen.

Im Schamanismus geht man davon aus, dass Teile unserer Seele an den Orten verharren, an denen Tragisches passiert ist. Das Bewusstsein habe gelernt, dass es weitergehen muss, aber der Seele sei trotzdem ein Teil ihrer selbst verloren gegangen. Auf einer schamanischen Reise sollen die Patienten Heilung erfahren, indem sie ihre Seelenanteile wieder einsammeln. Wie das konkret geschehen kann, hat Krüger mittlerweile etwa 500 Schülern in der Ausbildung „Heilen mit Wolf und Engel“ beigebracht. Die Nachfrage sei groß. Auch Krügers eigene Praxis ist für die nächsten acht Wochen ausgebucht.

Wer dem Schamanismus einmal auf die Spur gekommen ist, findet immer neue Anhaltspunkte für dessen Ausbreitung in der Stadt: Schamanen und ihre Kunden gibt es von Spandau bis Friedrichsfelde. In Prenzlauer Berg hat gerade ein neues schamanisches Zentrum eröffnet. Es liegt gleich ums Eck des Zentrums Yupa von Anja Gundelach. Sie ist zum Schamanismus gekommen, als sie 2003 Schülerin bei einer Schamanin in Mexiko wurde. Zurück in Deutschland bot sie Freunden verschiedene schamanische Zeremonien an: „Damals traute man sich kaum, das Wort Schamanismus auszusprechen. So seltsam war das! Da war Yoga gerade unheimlich in.“ Mittlerweile hat die Anfang 40-Jährige eine gut laufende Praxis, in der sie verschiedene schamanische Methoden anbietet. Neben persönlichen Zeremonien ist das sogenannte Space Clearing sehr gefragt.

Heute ist Gundelach bei einem Kunden im Prenzlauer Berg. Christoph (Name geändert) möchte das Zimmer, in das er gerade gezogen ist, von den schlechten Energien und dem Elektrosmog seines Vormieters reinigen lassen. Bevor die Zeremonie beginnt, breitet die Schamanin ihre Decke samt Hilfsmitteln aus. Ganz vorne steht ihr Krafttier, der Elch. Ein paar Säckchen mit verschiedenen Kräutern sind dabei, auch ein selbst geschmiedetes Messer aus Elchhorn und Stahl. Die Schamanin stellt die meisten ihrer Utensilien selbst her. „Dinge erzählen nun mal die Geschichte ihres Lebens. Je mehr man sie selbst gestaltet, desto weniger fremde und von daher unpassende Energie wohnt in ihnen“, erzählt sie.

Christoph sitzt ihr gegenüber. Während der Zeremonie verbrennt Gundelach verschiedene Kräuter auf einem Stückchen Kohle. Wacholder zum Beispiel. „Viele benutzen zum Räuchern weißen Salbei. Diese falsche Info war aber mal ein Racheakt der Indianer. Der verstärkt nämlich das, was drin ist. Wacholder verbreitet Harmonie.“ In einem Gebet versucht sie, die gesamte Naturwelt anzusprechen: „Ich danke den vier Winden, den Nebeln, Wolken, dem heiligen Regen, nehmt diesen Rauch als Gabe.“ Und sie bittet um Rat.

Nach Minuten des Schweigens berichtet Gundelach von ihrer Meditation. Es sind Eindrücke, Empfindungen. Dies sei etwa ein Herrscherraum, meint sie. Christoph fragt fasziniert: „Das hat man dir gesagt?“ Gundelach darauf: „Das merke ich einfach.“ Wo das Bett stehen soll, merkt sie auch. Am Ende geht sie durch den Raum, verräuchert die Vergangenheit und der neue Bewohner segnet die Ecken mit Wasser und der eigenen Energie.

Der Fall heute war einfach. Keine Seelenrückholung oder Ähnliches. Heilung mithilfe schamanischer Methoden soll aber laut Andreas Krüger auch bei schweren Krankheiten möglich sein. Er selbst traut sich das nicht zu und arbeitet eng mit Homöopathen und Schulmedizinern zusammen. Aber die großen Schamanen in Lateinamerika etwa, die hätten das drauf. Wer schon einmal eine Krankheit hatte, bei der die Schulmedizin ratlos ist, weiß alternative Heilmethoden zu schätzen. Hausärzte empfehlen mitunter bei Gürtelrose, diese „besprechen“ zu lassen – weil es von der Allgemeinmedizin keine wirklichen Heilansätze gibt. Krüger meint, dass zehn Prozent seiner Workshop-Teilnehmer Ärzte seien: „Die Trommeln in ihren orthopädischen Praxen, das glauben sie gar nicht!“ Darum geht es wohl: Glauben und der Wunsch zu glauben.

Wer zum Schamanismus finden will, muss sich auf eine Welt einlassen, in der Heilzwerge genauso real sind wie die Wirtschaftskrise. Schon allein dieser Gedanke kann Heilung versprechen: Dass das Leben mehr ist als ein reiner Geldkreisel. So treibt es die Menschen in modernen westlichen Gesellschaften immer wieder auf neue spirituelle Wege. Erst kürzlich waren es Buddhismus und Yoga, jetzt der Schamanismus. Zu Anja Gundelach kommen mittlerweile auch einige Geschäftsleute und Anwälte. Offen darüber zu reden, ist allerdings noch nicht ganz so verbreitet, wie der Schamanismus selbst.

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