Kultur : Schambeschau

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SCHREIBWAREN

Jörg Plath über ein revolutionäres Bilderbuch und andere Jubiläen

Die deutsche Literatur hat die Nabelschau überwunden – zugunsten der Schambeschau. Das Maß aller Dinge heißt nun auch hier Bohlen: Autoren unterrichten die werte Leserschaft akribisch über die Intimbehaarung der verflossenen Geliebten und manch kurzweilige Sexpraktiken. Sie geben alles, wirklich alles für die Freiheit der Kunst!

Nun, es gibt Interessanteres. Beginnnen wir mit einem Titel so saftig, dass man ihn nie wieder vergisst: „Wo die wilden Kerle wohnen“ (Diogenes). 40 Jahre ist das wunderbare Bilderbuch über die Reise des kleinen Max zu den aggressiven Dämonen in seinem Inneren nun jung. Maurice Sendak , dessen Eltern vor dem Holocaust aus Polen in die USA flohen, hat das Bilderbuch revolutioniert. Im Literaturhaus (20 Uhr) nähern sich heute Abend vier Frauen furchtlos den wilden Kerlen: Sendak-Übersetzerin Claudia Schmölders, Verlegerin Elisabeth Ruge, Literaturwissenschaftlerin Gundel Mattenklott und Schriftstellerin Susanne Riedel.

Ein wilder Kerl könnte auch der Däne Jens-Martin Eriksen sein. Sein Roman „Winter im Morgengrauen“ (Liebeskind) erzählt von einer Milizeinheit, die in einem ungenannten europäischen Land ethnische Säuberungen durchführt. Das tägliche Morden wird zur furchtbaren, persönlichkeitsauflösenden Routine und nur durchbrochen von Augenblicken, in denen der vormals sensible Literaturstudent unter den Opfern einen Bekannten erblickt. Eriksen liest heute Abend gemeinsam mit Thomas Boberg in der Literaturwerkstatt (Backfabrik, 20 Uhr). Morgen folgen am selben Ort zur selben Zeit zwei junge dänische Lyriker: Ursula Andkjaer Olsen und Morten Klinto .

Diese Gedichtstrophe stammt von dem Griechen Charis Vavianos : „Nicht einmal ein Segelboot / zerschneidet den Horizont. / Das Bild von einem Baum / mit seinen vom Wind gepeitschten Zweigen die den Boden streifen / fehlt heute im Arrangement. / Aber die Greisin die sich auf Knien den Steilweg hinaufschleppt / und dabei die Marien-Ikone mit beiden Händen hochhält / ist darin.“ Gedichte von Vavianos und anderen wurden vor einem Jahr im pfälzischen Künstlerhaus Edenkoben von deutschen Lyrikern übertragen. Am 29.10. stellen sie die Ergebnisse in der Landesvertretung von Rheinland-Pfalz vor (In den Ministergärten 6, 19 Uhr).

Noch ein Jubilar diese Woche: die Collection S. Fischer . 1978 erschienen die ersten Bände: kleines Foto und viel Schreibmaschinenschrift auf dem Umschlag. Band 8 war Wolfgang Hilbigs „abwesenheit“, Band 17 Monika Marons „Flugasche“. Beide wurden in der DDR nicht gedruckt. Die Hausse der jungen deutschsprachigen Literatur in den letzten Jahren hat die Reihe mit inszeniert, mit Judith Hermanns „Sommerhaus, später“ etwa. Die Collection feiert am 31.10. im Literarischen Colloquium mit den bereits genannten Autoren, Christina Griebel, Maike Wetzel, Lukas Hammerstein und Jörg Bong von S. Fischer.

Zum Schluss nur noch ein kurzer Hinweis auf Frauen jenseits der Frauenliteratur: heute Abend um 20 Uhr in der Literaturwerkstatt das seltsame Paar Thea Dorn und Marlene Streeruwitz über „Gewalt und Trivialität“. Bohlen ist kein Thema.

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