Kultur : Schampus für die Sahelzone

Der Berliner „Quatsch Comedy Club“ öffnet seine Tore im Friedrichstadtpalast

Ralph Geisenhanslüke

Die Schilder auf den Toiletten erinnern noch an vergangene Tage. „Straps und Gänsehaut“ hießen die Shows oder: „Na so ein Zufall!“. Die „Kleine Revue“ im Friedrichstadtpalast war berüchtigt für ihre real existierenden Anzüglichlichkeiten. Das Ensemble anatomisch hervorragend, aber ästhetisch zurückgeblieben. Den Ausdruckstänzen ging leider jede sozialistische Laszivität ab. Irgendwann hing der Betrieb durch. Die „Kleine Revue“ im Keller wurde geschlossen, und die Reisebusse, die in endloser Reihe abends an der Spree parkten, brachten ihre Kundschaft nur noch zu den endlosen Beinen des Normal-Balletts.

„Ein Mann, ein Mikro“ – so lautet nun das Konzept, sagt Thomas Hermanns. Als Antwort kommen sieben Tänzerinnen aus dem Obergeschoss und schwingen – na was wohl? Die Beine von Thomas Hermanns stecken an diesem Abend für eine Nummer in unbeschreiblichen Stiefeln: rosa-lila-metallic-farbene Plateaustiefel mit Glitzersternen. Dazu trägt er eine ziemlich räudige blonde Perücke – sein „Frieda-Versuch“. Die Stiefel sind echt, sagt die Dame am Nebentisch. Die hat der Thomas bei einer Abba-Versteigerung gekauft. Die Dame stammt aus der Nähe von Düren.

Am Nebentisch, mitten zwischen Journalisten und Fernsehgesichtern, sitzen die Eltern von Thomas Hermanns mit einigen Freunden. Dieser familiäre Geist prägt den Abend. Den Abend, an dem der „Quatsch Comedy Club“ die „Kleine Revue“ nach fünf Jahren Pause wachküsst. Den Abend, an dem das etablierte TV-Format sein eigenes Domizil einweiht. Live und ohne Werbeblöcke. Aufgezeichnet wird weiter in München. Also: Immer hereinspaziert, in eine Stadt mit gut einem Dutzend etablierter Wortkunst-, Kabarett- und Comedy-Bühnen. Angenehme Überraschung Nummer eins: der lockere, unaufgesetzte Auftritt von Hermanns als „Moderator und Intendantin“, der mit 39 Jahren zum Doyen der deutschen Comedy-Szene geworden ist. Dies sicher auch dank seiner Bildschirmpräsenz. Aber in diesem Fall sollte man nicht auf das Fernsehen schimpfen, auch wenn es Kirch heißt. Da wird zwar eine Menge schrankwandkompatibler Witzischkeit versendet. Doch erst die Privatsender waren es, die der Sahelzone deutscher Heiterkeit ein paar feuchte Biotope beschert und eine Professionalisierung mit sich gebracht haben, die an amerikanische oder britische Verhältnisse denken lässt. Dort gehören Erfolg und Humor zwingend zusammen, dort kommen Kino-Stars wie Mike Myers aus der Stand-up-Comedy, aus Shows wie „Saturday Night Live“.

Es ist nicht nur konsequente Markenpolitik, die Hermanns und seine Mitinhaber dazu brachte, einen „neuen Tempel der Spaßgesellschaft“ zu eröffnen. Die Leidenschaft für die Bühne ist bei allen spürbar, und der intime Saal mit etwas mehr als 300 Plätzen erlaubt eine Nähe zu den Künstlern, bei der die ersten Reihen schon mal fliegende Fackeln oder Speichelfäden abkriegen. Tut es nicht gut, nach all den stirnzerfurchten Abgesängen anlässlich des 11. September mal wieder festzustellen, dass die Gesellschaft auch Spaß haben will? Schließlich ist es das Lachen, „das uns von den Taliban unterscheidet“, sagt Dieter Nuhr, rheinisch-westfälisch, bodenständig, dem feinen Wortwitz innig zugetan.

Überraschung Nummer zwei: die dezidiert schwule Ausrichtung, die es trotzdem mühelos schaffen wird, einen schwulen Humor jenseits des Stammtisch- und Friseur-Schenkelschlagens zu etablieren, der auch für sexuell Andersdenkende verständlich bleibt. Specials mit „Queer Comedy“ stehen schon im Programm. Mitinhaber Michael Mittermaier musste sich da schon als „einer der letzten Heteros auf dieser Insel“ outen. Kompliment! Diese Eröffnung hatte, wie Johann König aus Köln formulierte: „Scharmanz“.

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