Kultur : Schanghai: Das blaue Wunder

Manfred Eichel

Der Eingang zur Hölle liegt mitten in Schanghai. Eine mächtige Säule aus glänzendem Metall verschließt ihn. Drachen und Schlangen, die sich um die Säule winden, passen auf, dass keine bösen Geister in die Stadt dringen können. Das ist kein chinesisches Märchen, sondern eine reale Hightech-Leistung an der Kreuzung zweier Autobahnen - im Zentrum einer Stadt, in der 16 Millionen Menschen leben.

Als die Ingenieure die beiden gigantischen Hochstraßen aufeinander zubauten, fragten sie einen Fengshui-Meister, ob dieser Treffpunkt unbedenklich sei. Der Meister prüfte die Sache und erschrak. Nach langen Meditationen gab er folgenden Rat: Nur zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt dürfe die Säule, die Hauptstütze der beiden Highways, in den Boden gerammt werden. Und sie müsse unbedingt mit Drachen und Schlangen aus Messing, deren Köpfe nach unten weisen, bewaffnet sein. Die Bauherren ließen die Säule anfertigen, warteten auf die angegebene Zeit - und rammten sie ins Erdreich. Ingenieurkunst und Geisterglaube, Fortschritt und Tradition liegen im kommunistischen China dicht beieinander.

Die Brücke mit den beiden Autobahnen ist eine kühne Konstruktion - und einer der schönsten architektonischen Plätze Schanghais. Vor allem nachts, wenn das Hightech-Wunder im magischen Blau erstrahlt. Und der Eingang zur Hölle ist dicht. Ein Happy-End? Der Sieg des Fortschritts über den alten Geisterglauben? Nicht ganz. Genau eine Woche nach dem Brückenbau starb der kerngesunde Fengshui-Meister. Einfach so. Eine Gänsehaut-Geschichte, typisch für die ambivalente Atmosphäre dieser Stadt.

Um das "blaue Wunder" herum sind in den letzten acht Jahren mehr als 3000 neue Hochhäuser gebaut worden, 80 Prozent aller Gebäude sind neu. Einige sind so fantasievoll und elegant geraten, dass man sich als Berliner spontan wünscht, hiesige Baumeister mal dorthin zu schicken. Noch stehen ganze Stockwerke leer - das wird bald vorbei sein, hoffen die Planer. Sie sind überzeugt, Schanghai in wenigen Jahren zur wichtigsten Wirtschaftsmetropole Asiens gemacht zu haben. Wil in 15 Jahren 23 Millionen Menschen hier leben sollen, wird gnadenlos abgerissen, um Platz für weitere Neubauten zu schaffen. Eine Diktatur hat da keine Probleme. Wer vertrieben wird und sich beschweren will, kann das tun. Er wird trotzdem aus seiner etwas schmuddeligen, aber vertrauten Heimat herausgerissen und an den Stadtrand umgesiedelt. Dort sind große Wohn-Areale entstanden: schlicht, aber mit dichten Fenstern, Strom und Wasser für die Ärmeren - und mit postmodernem Pomp, gepflegten Gärten, einer hohen Mauer drumherum und einem uniformierten Wachmann für die Wohlhabenderen.

Adressen in Schanghai, die gestern noch galten, sind morgen unauffindbar. Noch kann man "BizArt", eine der Zentralen für Avantgarde-Kultur am alten Platz aufsuchen. Die pittoresken, garagenhaften Geschäfte drumherum sind erst kürzlich abgerissen worden. "BizArt" selbst hat noch ein paar Wochen Galgenfrist - und soviel Unterstützung, dass das Unternehmen demnächst wohl an anderer Stelle wiedereröffnen kann. Davide Quadrio, ein 26jähriger Italiener, hat ein dichtes Netzwerk an Kulturkontakten aufgebaut. Er organisiert Wanderausstellungen, lädt zu Lesungen oder Konzerten, Film-Vorführungen, Ausstellungen ein.

Dass hier immer wieder Entdeckungen möglich sind, hat sich in den Kunst-Zirkeln des Westens längst herumgesprochen. Harald Szeemann, Chef der Biennale in Venedig, ist hier auf einen jungen Künstler aufmerksam geworden und hat ihn in seine Giardini eingeladen: Xu Zhen, 24 Jahre alt. In seiner Video-Arbeit "Rainbow" sieht man nur den nackten Rücken des Künstlers, und man hört Schläge. Allmählich rötet sich der Rücken. Eine beklemmende Arbeit, zwischen SM-Ästhetik und Folter-Reminiszenz. Xu Zhen ist davon überzeugt, dass es zur Zeit keinen besseren Platz als Schanghai gibt, um als chinesischer Künstler auch international aufzufallen. Das bestätigt auch Zhou Tiehai. Der 35-Jährige ist schon so etabliert, dass er andere Künstler für sich arbeiten lässt. Sein Markenzeichen: Die Gestalten auf seinen Riesen-Bildern (drei mal zwei Meter) tragen Kamelköpfe. Darunter: Uniformen und Prachtgewänder europäischer Potentaten. Seine drei Gehilfen haben sie nach Vorlagen westlicher Meister kopiert - und dann den Kamelkopf draufgesetzt. "Placebo"-Produkte seien das, meint Zhou, repräsentative Bilder, pathetische Gesten. Mit diesem spöttischen Blick auf die abendländische Kunst hat er es schon vor sechs Jahren bis auf den Titel von "Newsweek" und "Art in America" geschafft.

Ein Quentchen Spott, eine Prise Ironie - das sind die Hauptzutaten der chinesischen Gegenwartskunst, die sich Anfang der 90er Jahre zunächst gezielt an das westliche Kunst-Publikum wandte. Man verhöhnt Konsumrausch und Jugendlichkeitswahn, persifliert privates Glück oder persönlichen Erfolg in einem Staat, der bislang die klassenlose Gesellschaft propagiert hatte. Offene Kritik an Zensur oder Haftbedingungen, kommt dennoch vor, zuweilen in einer Brutalität, die europäische Augenzeugen verstört - etwa, wenn lebende Hühner auf Holzfußböden genagelt werden. Solche Aktionen dauern nur wenige Stunden, kritische Ausstellungen ein bis zwei Tage - bis die Behörden davon erfahren. Sie finden allenfalls noch ein paar Federn, entdecken Blutflecken in einer leeren Werkhalle.

Noch ist der Stellenwert der neuen chinesischen Kunst im Lande nicht erkannt. Die einzige sorgfältig aufgebaute Sammlung befindet sich in der Schweiz. Ein ehemaliger Botschafter der Eidgenossen hat sie zusammengetragen, wird die Schätze möglicherweise später der Volksrepublik übergeben. Aber gegenwärtig gilt in China vor allem als bedeutender Künstler, wer eine Landschaft oder eine Kalligraphie genauso schön anzufertigen versteht wie ein alter Meister.

Weil Schanghai eine prosperierende Stadt ist, leistet sie sich prächtige neue Häuser, in denen Kultur opulent zelebriert wird. Das Schanghai-Museum ist in Form eines 3500 Jahre alten wunderschönen Gefäßes mit vier Henkeln gebaut worden: eine designerische Spitzenleistung. Hier werden prächtige Bronzen und schwungvolle Kalligraphien, Vasen und Waffen, Zeichnungen und Skulpturen präsentiert, in einem der attraktivsten Ausstellungshäuser der Welt. Gegenüber hat sich die Stadt vom französischen Architekten Charbonnet ein pompöses Grand Théâtre aus Glas und Chrom hinsetzen lassen. Abends, wenn Tourneetruppen aus aller Welt auftreten, funkelt das Haus wie ein Edelstein; Eigenproduktionen hingegen haben zuweilen noch etwas Provinzielles.

Im Ballett-Saal des Grand Théâtre probt die Truppe der Choreografin Jing Xing. Vor einem Jahr ist sie von Peking nach Schanghai umgezogen, überzeugt davon, dass sich hier bald eine Renaissance ereignen wird. In den 20er, 30er Jahren galt Schanghai als das Paris des Ostens. Damals florierte die Wirtschaft, das liberale Klima der Stadt trieb kulturelle Blüten. Jetzt boomt die Stadt wie damals, und Jing Xing meint, in zehn Jahren sei Schanghai wieder eine Kulturstadt, von der die Welt sprechen wird. Ihre kleine Compagnie ist gegenwärtig wohl die progressivste Tanz-Formation Chinas. Alle Tänzer wurden bei den wenigen Tanzpädagogen ausgebildet, über die das Land verfügt. Und die arbeiten ausschließlich beim Militär - für dröhnende Revolutions-Opern. Das Militär hat auch Dichter und Pop-Sänger unter Vertrag, die für Fernseh-Shows in Soldaten-Uniformen auf Glitzertreppen auftreten. Jing Xing befürchtet nur eines: dass ihre Truppe keine Ausreisegenehmigung erhalten könnte, wenn sie ins Ausland eingeladen wird. Denn ihre Mannschaft hat einen Schönheitsfehler; sie ist nicht staatlich organisiert, sondern privat. Der kapitalistische Rummel im Geschäftsleben draußen hat die Ideologien drinnen noch nicht überwunden.

Vom Kapitalismus müsste die kommunistische Wirtschaft unbedingt lernen, die Kultur zu sponsern: Das fordert der 49-jährige Komponist Qu Xiao-song, der während der Kulturrevolution als Bauer arbeiten musste, zehn Jahre in New York lebte und nun als Professsor am Konservatorium in Schanghai lehrt. Ein Verehrer Bartoks und Ligetis, und ein Schöpfer subtiler Klangerlebnisse, die im Frühjahr in Berlin zu hören waren, als seine "Letzte Saite" im Hebbeltheater uraufgeführt wurde. Ein Auftrag für eine nächste Opern-Uraufführung in München liegt bereits vor. Dass es solche Ereignisse demnächst auch in Schanghai gibt, davon ist Professor Qu überzeugt. Die Generation junger Geschäftsleute, die Schanghais Wirtschaft ankurbelt, könnte sein neues Publikum bilden - und spendierwillig sein.

Dass es neben der Schönheit in der Kunst auch reizvolle Disharmonien und heilsame Verunsicherungen geben kann, ist eine Lektion, die die meisten Chinesen noch nicht hören wollen. Die Kunst soll erfreuen oder erhabene Gefühle auslösen. Chen Yifei spielt virtuos auf dieser Klaviatur. Er fing als Propaganda-Maler Mao Zedongs an und portraitierte später, in New York, nachdenkliche Schönheiten in kostbaren alten Gewändern. Damit wurde er reich. Inzwischen ist er Multimillionär, dirigiert von Schanghai aus zusätzlich ein weltweites Mode-Imperium, leitet eine Model-Agentur, unterhält ein Keramik-Atelier, dreht Dokumentar- sowie Spielfilme. Dennoch steht der Großunternehmer fast täglich vor seiner Staffelei, bis Mitternacht.

Chen Yifei ist ein Künstler der alten Schule. Mit den staatlichen Zensoren hatte er nie Probleme. Junge Künstler wie Xu Zhen oder Zhou Tiehai wissen dagegen, wo die Grenzen der Zensur verlaufen, die sie allenfalls sehr vorsichtig überschreiten dürfen. Ob Schanghai Chancen hat, demnächst die kreative Turbulenz der 20er, 30er Jahre wieder zu erleben, wird davon abhängen, wann diese Grenzen fallen. Die kulturelle Power sammelt sich jedenfalls in der Stadt. Und eine liberale Wirtschaft könnte Lust auf Liberalität auch in anderen Bereichen mit sich bringen. Hinzu kommt der Schub, den Pekings Olympia-Nominierung wohl in ganz China auslösen wird.

Schanghais Dilemma wird immer seinen Reiz ausmachen: das Schlingern zwischen Aufbruch und Tradition. Schanghai ist die Stadt, in der am Straßenrand gekocht wird und internationale Luxus-Restaurants eröffnen, eine Stadt voller Spuren alter Kultur und hipper Glitzer-Diskotheken, lebhaften Nachtlebens und ameisenhafter Fleißkultur. In fünf Jahren wird sie kaum wiederzuerkennen sein, so euphorisch wird hier dem Fortschritt gehuldigt. Bleibt zu hoffen, dass es bis dahin noch ein paar Fengshui-Meister geben wird, die den Boom überlebt haben.

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