Schanghai : Schöne neue Stadt

Nachhaltigkeit ist alles: Die Weltausstellung in Schanghai wirbt vielseitig für Natur im urbanen Raum.

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Disco total. Die „Balancity“-Riesenkugel im deutschen Pavillon ist eine der großen Attraktionen auf der Expo 2010.
Disco total. Die „Balancity“-Riesenkugel im deutschen Pavillon ist eine der großen Attraktionen auf der Expo 2010.Foto: dpa

SchangheiDas Formel-1-Spektakel hat in Schanghai kaum jemand zur Kenntnis genommen, denn die Stadt fieberte der Expo 2010 entgegen. Tausende Baustellen sind über Nacht fertig geworden. 400 Kilometer U-Bahn wurden in vier Jahren gebaut, statt zwei gibt es nun 13 Linien, eine beispiellose Leistung. Die Stadt ist sauber, blumengeschmückt und effektvoll beleuchtet.

Doch selbst in China, wo an jedem Mittelstadtbahnhof fünfmal mehr Betrieb herrscht als am Berliner Hauptbahnhof, sieht man sich angesichts der Besuchermassen vor neue Herausforderungen gestellt. Schon anlässlich des Eröffnungsfeuerwerks am Wochenende, das an den Flussufern Millionen verfolgen wollten, war in der Innenstadt kein Durchkommen mehr.

Das Messegelände breitet sich zentrumsnah auf 4,5 Quadratkilometern ehemaliger Industriebrachen beiderseits des Gelben Flusses aus. Pavillons von 242 Nationen, Organisationen und Firmen sind von den 70 Millionen erwarteten Besuchern zu erkunden, die einen Eintritt von umgerechnet knapp 18 Euro bezahlen. Aber auch mit einer Wochenkarte hat man keine Chance, die Themen aller Pavillons auch nur oberflächlich kennenzulernen. Und man muss gut zu Fuß sein, denn schon die Eingangszonen mit eingezäunten Warteschlangen und Sicherheitschecks sind mehrere Hektar groß.

Probeläufe haben vielen Pavillonbetreibern gezeigt, dass sie die Menschenmenge unterschätzt haben. In den chinesischen Pavillon wird schon rein statistisch nur jeder zehnte Besucher Einlass finden können. Die Dänen, bei denen das Original der Meerjungfrau zu sehen ist, sind ebenso wenig auf Massenbesuch eingerichtet wie die Schweizer, die auf ihrer Bergbahn nur einen Bruchteil der Interessenten über künstliche Almen bugsieren können.

Die Weltausstellung mit ihrem Motto „Better City, Better Life“ ist ein gigantisches Umweltkommunikationsprogramm. Besonders die Deutschen müssen den Chinesen als Umweltschutzlehrmeister vorkommen. Hamburg hat ein veritables fünfgeschossiges Bürohaus aufs Gelände gestellt, das nach der Expo stehen bleiben wird. Es ist das erste Niedrigenergiehaus Chinas, hochgedämmt, mit Solar- und Erdwärmeanlage und minimalem Energieverbrauch.

Der kleine, schmucke deutsch-chinesische Pavillon des Auswärtigen Amts zeigt, dass man den Riesenbambus Julong aus Südchina für moderne Konstruktionen wie Bauholz einsetzen kann. In den Städtepavillon wurde Freiburg eingeladen, das sich als Solar City versteht und seine Errungenschaften auf diesem Gebiet präsentiert.

„Urban Planet“ heißt der chinesische Themenpavillon, dessen Konzeption und Gestaltung von der deutschen Agentur Triad kommen. Die Berliner hatten den internationalen Wettbewerb um den Pavillon unter 150 Bewerbern für sich entschieden. Der Rundgang führt in eindringlichen und hinreißenden Bildern und Szenarien zunächst die ökologischen Desaster dieser Welt vor Augen, zeigt Auswege und Lösungsvorschläge für eine bessere neue Welt und gibt letztlich jedem chinesischen Besucher verständliche Verhaltensmaßregeln an die Hand, denn ohne das Umweltbewusstsein des Einzelnen sind alle Anstrengungen der Politik vergebens.

800 Meter Warteschlange sind zu Spitzenzeiten vor dem deutschen Pavillon zu überstehen. Diesmal in der respektablen Architektur von Lennart Wiechell aus dem Münchner Büro Schmidhuber + Partner, symbolisiert er mit seinen drei schwebenden, austarierten Kuben das Motto „Balancity“. Die von Milla und Partner aus Stuttgart konzipierte Schau will zeigen, wie Stadt und Natur, Individuum und Gemeinschaft, Innovation und Tradition ins Gleichgewicht gebracht werden können. Viel Didaktik also, doch scheint man den Nerv der Chinesen getroffen zu haben. Den leichten Einstieg bilden Klischees: Bilder bekannter Sehenswürdigkeiten aller Bundesländer. Dazu Hightech made in Germany und die deutschen Rezepte für eine bessere Welt in Umweltschutz, Architektur und Stadtplanung. Letzter Raum des Rundgangs ist die „Energiezentrale“, ein kreisrunder, dreigeschossiger Theaterraum für 600 Zuschauer, in dem eine mit 400 000 LEDs besetzte Kugel von drei Metern Durchmesser hängt, über die im Lauf einer siebenminütigen Show Farben, Formen und Bilder huschen. Jens und Yanyan, zwei Animateure, laden das Publikum dazu ein, die Kugel mit „Energie“ aufzuladen, sie reagiert mit Lichtspielen und beginnt zu kreisen und zu pendeln. Nirgendwo auf der Expo sind die Chinesen in derart tosender Stimmung zu erleben. Den deutschen Pavillon werden sie in Erinnerung behalten.

Erinnern werden sie sich auch an den spanischen Pavillon, der sich in einem Schuppenkleid aus Weidengeflecht präsentiert und in bild- und tonmächtigen Shows Flamenco, Stierkampf und alles weitere zeigt, was man so für spanisch halten soll. Ziemlich frei von Informationen dagegen der englische Auftritt, den der Künstler Thomas Heatherwick gestaltete. Auf einer bewegten Landschaft aus grauem Kunstgras, die die Chinesen gerne zum Ausruhen benutzten, schwebt ein igelartiges Objekt aus 60 000 Fiberglasstäben, die sich im Wind bewegen und Licht ins Innere leiten. Mehr auf den Spaßfaktor setzen die Holländer mit ihrer kunterbunten Architektur-Collage. Man geht eine spiralförmige Brücke hinauf, die von kleinen Häuschen gesäumt ist, in denen holländische Künstler ihre Werke präsentieren. Straßenorgel und Glockenspiel dürfen nicht fehlen. Abends leuchtet das Ensemble wie eine Achterbahn in Las Vegas.

Wie immer auf Weltausstellungen bringt der Wettkampf um die Aufmerksamkeit des Publikums Faszinierendes und Kurioses, Lehrreiches und Unverständliches, Begeisterndes und Dürftiges hervor. Wie immer gibt es die Nationen, die den ganz großen Auftritt suchen. Und es gibt die kleinen Länder, die zum Generalthema kaum etwas beizutragen haben und mit Folklore schlicht Fremdenverkehrswerbung betreiben. Diese Auftritte mögen zuweilen rührend wirken, seltener anregend oder gar faszinierend, doch auch sie gehören zu den Weltausstellungen seit eineinhalb Jahrhunderten.

Dieses Mal ist jedoch mit der nachhaltigen Weltentwicklung tatsächlich ein gemeinsames Anliegen erkennbar. Es wird auch deutlich, dass China die Zeichen der Zeit erkannt hat und die Probleme mit der üblichen Macht und Konsequenz angeht. Das Sortiment eines deutschen Billigkaufhauses kommt schon mehrheitlich aus dem Reich der Mitte. Es wird nur noch wenige Jahre dauern, dann hat China auch den Weltmarkt in Sachen Umwelttechnik erobert. Diese Erkenntnis kann man in Schanghai bis Ende Oktober gewinnen. Aber auch die Hoffnung, dass Deutschland auf den Zug aufspringen kann, bevor er uns überholt.

Ein Mitteleuropäer wird das System Expo insgesamt infrage stellen, das zum unübersehbaren, milliardenteuren Hyperevent ausgeufert ist. Denn längst ist es möglich, alle Pavillons vom heimischen Sofa aus im Internet zu besuchen. Keine Inhalte, die man nicht über die Medien vermitteln könnte. Aber China sieht das anders, positiv. 95 Prozent der Besucher kommen aus dem eigenen Land und werden mit einer geänderten Einstellung zur Umwelt wieder nach Hause fahren. Der Rest ist via Fernsehen dabei.

Und China ist stolz auf dieses Weltereignis. Tausende Freiwillige stehen als Helfer zur Verfügung. Studenten natürlich, vor allem die mit Fremdsprachenkenntnissen, sind an den allgegenwärtigen Infoständen zu Diensten. Aber auch der Ingenieur aus der Chemiefabrik lässt es sich nicht nehmen, am Wochenende ehrenamtlich als Führer zur Verfügung zu stehen. Die Gastgeberrolle spielen die Menschen gerne und mit Hingabe. Das macht den Besuch trotz der teilweise ins Kuriose tendierenden Sicherheitsvorkehrungen ungemein sympathisch.

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