Scharoun-Ensemble : Erinnerung an Hans Werner Henze

von

KLASSIK

Ach, Italien: Das Scharoun Ensemble gedenkt Hans Werner Henzes

Jetzt, da der Sommer vor der Zeit einem gefühlten Frühwinter Platz gemacht hat, wärmt das Innere der St. Matthäuskirche am Kulturforum auch nicht mehr. Fest im Glauben muss schon sein, wer aus der gewollten Nacktheit der Mauern Kraft ziehen kann. Dann fängt es auch noch von irgendwoher zu ziehen an. Frösteln. Hans Werner Henze hilft da mehr. Vor fast einem Jahr ist er gestorben, jetzt hat ihm das Scharoun Ensemble, für das er viel komponiert hat, zum Auftakt der Reihe „Matthäusmusik“ ein Gedenkkonzert gewidmet. Verlegerin Christiane Krautscheid und Henzes Lebenspartner Michael Kerstan erläutern die Stücke im Gespräch.

Pastorale, Morgenlied, Ballade: Aus den „Neuen Volksliedern und Hirtengesängen“ für Fagott, Gitarre und Streichtrio von 1983 spricht eine jahrzehntelange Vertrautheit mit der musikalischen Tradition und Landschaft Italiens, wo Henze seit 1953 lebte. Aber auch die viel früher entstandene „Kammermusik 1958“ erzählt mit jeder Note, jeder angeschärften Harmonie von mediterraner Gelassenheit, von der Sehnsucht nach praller Sinnlichkeit und Schönheit, mit der Henze bei der Avantgarde so katastrophal abgeblitzt war. Stockhausen und Nono hatten einst in Darmstadt den Raum verlassen, als seine „Nachtstücke und Arien“ nach Bachmann-Texten aufgeführt wurden.

Die „Kammermusik 1958“ ist auch eine Reaktion darauf. Geschliffen und ausbalanciert, mit heiliger Hingabe spielt das Scharoun Ensemble die 12 Stücke, poetisch vor allem die Gitarre von Jürgen Ruck, zu der sich Andrew Staples’ lyrischer Tenor beim Hölderlin-Text „In lieblicher Bläue“ zum Dachstuhl der Kirche emporschwingt. Mit der letzten Nummer, Adagio (Epilogo), verdämmert alles in Stille. Auch durch Italien können Nebel ziehen. Udo Badelt

KUNST

Naturgewalten: Roman Lipski

im polnischen Kulturinstitut

Draußen zerlegt sich die Stadt gerade selbst in ein Gewirr von Bauzäunen, Wasserohren und Baggerarmen. Im Innern des Polnischen Instituts löst der Maler Roman Lipski die Architektur seiner Kindheit zu abstrakten Formen auf. Die Arbeiten kommen direkt aus dem Atelier und markieren einen Wendepunkt in Lipskis Werk (bis 13. 11. Burgstraße 27, Di – Fr 10 – 18 Uhr). Zunächst malte der Künstler, der 1989 aus Polen emigrierte, menschenleere Häuser vor Landschaften in eigentümlich vergifteten Farben. In den Bildern gefror Lipski die zwiespältigen Erinnerungen an Orte seiner Jugend. In der aktuellen Ausstellung verlieren die Gebäude ihr Fundament. Eine Strandpromenade wird von Wasser unterspült und zerfällt. Das Farbspektrum reduziert sich auf blau, grün, grellweiß und anthrazit. Nur der dunkle Himmel hat noch immer den gleichen Schwefelstich wie früher.

Vor dem schwarzen Grund des Ausstellungsraumes entsteht der Eindruck einer übermächtigen Naturgewalt. Wie bei einem Gletscher treffen Geröll und Eis scharfkantig aufeinander. Pelzige Pinselspuren nehmen den majestätischen Formationen die Härte. Roman Lipskis Welt entfernt sich kühl und unsentimental von der Vergangenheit. Am Ende öffnet sich zwischen zerklüfteten Felsen der Abgrund – oder der Ausblick. Simone Reber

KLASSIK

Wohltuend: Das Quatuor Voce

im Kammermusiksaal

Man muss das wirklich anerkennen: Seit mehr als 50 Jahren holt Deutschlandradio hoffnungsvolle musikalische Talente auf berühmte Podien und trägt damit nicht selten zu ihrem Durchbruch bei. Eines dieser jungen Ensembles ist das Quatuor Voce, das im Kammermusiksaal der Philharmonie Schuberts 15. Streichquartett und César Francks f-Moll-Klavierquintett spielt: Hoch konzentriert bis nervös pumpen die jungen Franzosen ihr Herzblut in die Musik.

Man merkt, dass dem Quatuor Voce gestrenge Lehrmeister auf die Finger geklopft haben: Die Disziplin ist bestechend, das Zusammenspiel tadellos, das Klangspektrum so breit, als habe man ein ganzes Orchester vor sich – einschließlich Holz–, manchmal erinnert es sogar an Blechbläser. Über aller Präzision vergisst das Quartett an keiner Stelle seinen Gestaltungswillen, nicht mal bei den längeratmigen Kaskaden Francks. Dahinein wirkt keinerlei artifizielle Verzärtelung, jeder Farbton schillert an seinem Platz. So viel Emphase für gemeinsam empfundene Feinheiten hat schon Seltenheitswert. Das Quartett hatte bisher noch keine Zeit, interpretatorische Marotten zu entwickeln. Es liest und deutet, was dasteht. Selbstbescheidung auf die Botschaft der Kreation: wie das wohltut!

Fast schon überprobt wirkt dieser Schubert. Wenn manchmal der Blick auf eine großzügigere Gesamtkonzeption des Stücks verstellt sein mag, spricht doch aus jeder noch so kleinen thematischen Wendung Überlegung. Da wirken selbst die kürzesten Pizzicato-Spuren durchdacht, durchgearbeitet, diskutiert. Ergebnis ist eine wundersame Plastizität, die in jedem Partiturwinkelchen schlüssig wirkt. Dem glänzenden Quatuor Voce sollte man öfter begegnen. Christian Schmidt

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