Kultur : Schatten im Paradies

Kulturkampf in Indien: Deepa Mehta und ihr zartes Sozialdrama „Water“

Sebastian Handke

Er ist zu schön, dieser Film. Das saftige Grün der Palmen, Büsche und Kokosbäume. Der sacht in den Ganges prasselnde Monsun-Regen. Die leuchtenden Farben des Holi-Festes. Und diese vibrierende Musik. So schön ist Deepa Mehtas Film über Witwenentsorgung in Indien.

Nach hinduistischer Tradition bemisst sich der Wert einer Frau nach dem ihres Mannes. Stirbt dieser, darf sich die Zurückgelassene mit ihm verbrennen lassen, andernfalls bekommt sie lebenslänglich: Ihr Haar wird abrasiert und sie muss, in ein weißes Trauergewand gehüllt, den Rest ihres Lebens in einem Heim für Witwen verbringen – eine Gefangene in einem erbärmlichen inneren Exil.

Deepa Mehtas bewegender Film „Water“, mit dem sie nach „Earth“ und „Fire“ ihre Elemente-Trilogie beschließt, erzählt von den Geschichten, Hoffnungen und Ängsten solcher Frauen, die gemeinsam in einem Witwenheim leben. Manche akzeptieren ihr Leben; andere sind bitter; manche leben in der Vergangenheit und wieder andere sind nur noch anwesend.

Indien, 1938: Das achtjährige Mädchen Chuyia (Sarala) hat noch kaum begriffen, dass sie zwangsverheiratet wurde – da stirbt ihr Mann und sie wird in einen Witwen-Ashram abgeschoben. Das lebhafte Mädchen bringt das Leben der Witwen gehörig durcheinander: Der gefürchteten Matriarchin des Heims beißt sie gleich zur Begrüßung in den Fuß. Sie freundet sich mit der schönen Kalyani (Lisa Ray) an – die einzige Witwe, die ihre langen Haare behalten durfte, weil sie sich auf der anderen Seite des Ganges prostituieren muss, um den Ashram zu finanzieren. Der junge Gandhi-Anhänger Narayan (John Abraham) verliebt sich und will Kalyani gegen alle Regeln zur Frau nehmen.

Spät erst entwickelt sich Witwe Shakuntula zum eigentlichen Kraftzentrum des Filmes: In ihr kristallisiert sich der Widerstreit zwischen ihrem Glauben und dem Wunsch, so etwas wie ein Leben zu führen. Seema Biswas („Bandit Queen“) Darstellung dieser schwierigen Figur ist beeindruckend. Einmal sieht man Shakuntula und Chuyia am Ganges-Ufer stehen. „Wie sehe ich aus?“, fragt sie beiläufig, und das Mädchen antwortet: „alt“. Die Kamera bleibt nur einen Augenblick auf Shakuntulas Gesicht; keine Musik, kein Wort, nur dieses Bild – es ist der Moment, als sie erkennt, dass ihr Leben verschwendet ist.

Deepa Mehta ist in Indien höchst umstritten – wo einer ihrer Filme zu Aufführung kommt, werden Bilder der Regisseurin öffentlich verbrannt. Der ganze Hass konservativer Hindus schlug Mehta 1998 entgegen, als sie „Fire“ zeigen wollte, ein Film über eine lesbische Liebesbeziehung. Die Regisseurin brauchte fortan bewaffneten Personenschutz. Auch die Dreharbeiten zu „Water“ musste Mehta abbrechen (s. Interview).

Erstaunlich, dieser Furor, angesichts eines Werkes, das nichts von einem anklagenden Sozialdrama an sich hat. Deepa Mehtas „Water“ ist ein lyrischer, beinahe märchenhafter, aber erstaunlich vielschichtiger Film. Doch es ist gerade die schwebende Poesie seiner betörend schönen Bilder und der überraschend hoffnungsvolle Grundton, der ihn seine tragische Wucht erst voll entfalten lässt. Es ist das Purgatorium, mitten im Paradies.

Broadway, Cinemaxx Potsdamer Platz, FT am Friedrichshain, Neue Kant Kinos, Passage

0 Kommentare

Neuester Kommentar