Kultur : Schattenreich

-

Caroline Fetscher über die Mörder von Zoran Djindjic

Erstaunlich. Ein Schwerverbrechen geschieht, ein Premierminister wird ermordet, anonyme Scharfschützen zielen aus benachbarten Gebäuden – und bereits Stunden später zirkuliert eine öffentliche Anklage, die Namen nennt und Spitznamen, Täter weiß und Hintermänner. Serbien, das Land, in dem der Hoffnungsträger Zoran Djindjic ermordet wurde, ist ein Dorf. Genau gesagt: eine einzige Stadt mit acht Millionen Bewohnern, die aus vielen Dörfern besteht. Hier – wie in den anderen ehemaligen Republiken ExJugoslawiens – weiß jeder alles über jeden.

Längst hatte der Staat die Drahtzieher im Visier. Sie waren nur schneller, die Macho-Machiavellis mit ihren Limousinen, Sonnenbrillen, Rolexuhren und Schlagersängerfrauen. Ihrer ist das Schattenreich, und ein ganzer Staat hat das nolens volens akzeptiert. Hervorgegangen aus den semikriminellen Armee- und Polizeistrukturen, die Slobodan Milosevics Apparat favorisierte, wären sie nach dessen Sturz heimatlos und arbeitslos gewesen: Ihre Heimat und Arbeit waren das Verbrechen. So lange war es staatlich sanktioniert, gewünscht, gewollt und mit Prämien für Plünderungen und Morde ausgestattet worden, dass es nicht nur ihnen selbstverständlich vorkam, wenn die illegale Sache in ihrem Sinne weiterlief.

„So war das immer schon“: Ein tödlicher Satz für den Fortschritt, das Mantra der Verdrängung. Ebenso verstecken die Bauern und Mönche in der ostbosnischen „Republika Srpska“ ihren Helden, den als Kriegsverbrecher angeklagten Radovan Karadzic, und ebenso wehren sich serbische Fernsehzuschauer, wenn sie auf ihren Bildschirmen mit Sendungen über die Untaten der Zerfallskriege und die Schuld der serbischen Nationalisten behelligt werden.

Verbrechen braucht hermetische Strukturen, wie die der Tabus in Familien, in denen sich der Missbrauch habituell festgesetzt hat. Wer redet, fliegt raus. Wer das System in Frage stellt, wird enterbt, verfolgt, umgebracht, skrupellos. So funktionierte der Verdrängungsstaat Serbien auch nach der Wende zur Demokratie noch nach den alten psychologischen Regeln: in einer Familienkultur der Gewalt. Zoran Djindjic, so sehr er sich partiell mit den Mördern von früher hatte arrangieren müssen, wollte das Hermetische auflösen und den Filz aus den Fugen kratzen. Er tastete an die Tabus, feuerte Leute, versetzte andere, drohte mit Strafverfolgung – und sollte nun doch sterben an der Macht der Anomie, der Gesetzlosigkeit, die er beseitigen wollte.

Im Augenblick seines Todes scheint das Tabu gebrochen. Jetzt wird gesprochen, plötzlich. Namen werden genannt, Täter – die man längst kennt – auf dem Marktplatz ausgerufen. Wie die von Tabus geprägte Familie erst zu sprechen beginnt, wenn einer vollends disintegriert, so wird Serbien jetzt vielleicht wach werden. Überlastet sind die Internetserver und Infodienste, Mobilnetze und Sendestationen. Alle wollen alles wissen, lesen, hören, austauschen. Jetzt, nach dem Tod, dessen, der genau das Schritt für Schritt herbeiführen wollte. Ein Kollaps – vielleicht auch eine Chance im Schock.

0 Kommentare

Neuester Kommentar