Kultur : "Schattenrisse, Silhouetten und Cutouts": Das schwarze Loch der Welt

Eva Karcher

Die Kunst, ein Schattenspiel der Sehnsucht. Der Geliebte reist in die Ferne. Die Herzdame zeichnet seinen Schattenriss an die Wand. So einfach begann die Malerei, glaubt man der Legende Plinius des Älteren aus dem 1. Jahrhundert nach Christus. Sein Mythos kennt noch eine Steigerung: Einen Tag später wurde die Bildhauerei geboren. Da nämlich sah der Vater des Mädchens, der Töpfer Butades aus Sikyon, die Silhouette an der Mauer und formte sie zum Relief.

Für den Mailänder Wissenschaftler und Autor Roberto Casati (40), zurzeit am Pariser Centre de Recherche en Epistémologie Appliquée (CREA), ist der Schatten, "im rechten Licht betrachtet, ein großartiges Werkzeug der Erkenntnis". In seinem gerade auf Deutsch erschienenen Buch "Die Entdeckung des Schattens" widmet er dem rätselhaften Alter Ego des Lichts geistreiche Betrachtungen quer durch die Geschichte von Astronomie, Mathematik, Physik, Philosophie und Psychologie. Schatten sind allgegenwärtig und dennoch ungreifbar. Jedes Kind weiß das, wenn es vergeblich versucht, seinen Schatten zu jagen. Sie sind dunkle Projektionen beleuchteter Körper, ihre immateriellen Spiegelbilder. So selten man ihre Existenz im Alltag reflektiert, so häufig beschwört man sie in Wortmetaphern. Casati nennt Schatten "metaphysische Piraten", weil "wir sie normalerweise überhaupt nicht zur Kenntnis nehmen". Dabei "informieren sie uns permanent über die Beschaffenheit der Objekte und ihre Lage in der Umgebung. Ohne Schatten erschienen uns alle Gegenstände auf halber Höhe im Raum schwebend und ohne Konsistenz".

Schatten, so paradox es klingt, bieten also Halt im Leben. Ihre Magie liegt in ihrer Ambivalenz. Abhängig von einer Lichtquelle, definiert allein ihre Umrisslinie ihre Existenz. Schatten besitzen keinen Inhalt, sie sind leere Silhouetten. "Der Schatten ist das schwarze Loch, das Objekt ohne Information; es stellt uns eine Falle und zieht uns in sein schwarzes Zentrum hinein. Wir können uns über die Ränder des schwarzen Lochs verständigen, aber sein Inneres müssen wir selbst ausfüllen. So vertrauen wir der Schwärze und Leere unsere Gedanken und Ängste an". Die Sätze, die auch Casati formuliert haben könnte, stammen von der 1971 geborenen irischen Künstlerin Eva Rothschild. Wie sie beschäftigen sich derzeit auffallend viele jüngere Künstler mit dem Schatten-Phänomen. Die Kinder der digitalen Technik haben Scherenschnitte wiederentdeckt. Schneiden, Trennen, Zerlegen, Freistellen, Mixen zählen zu den bevorzugten Verfahren von DJs, Literaten, Regisseuren und Künstlern. Mit den Methoden der Collage basteln sie neue Welten aus den alten. Jede ist eine Projektion der vorhergegangenen, flach und leer wie ein schwarzes Loch, bunt gefüllt mit den Puzzlesteinchen der jeweils eigenen Emotionen und Assoziationen.

Kein Wunder, dass sich die Künstler zunehmend wieder auf handwerkliche Verfahren besinnen. Der faszinierenden Aktualität der "Schattenrisse, Silhouetten und Cutouts", aber auch ihrer Geschichte, widmet sich eine hinreißende Ausstellung im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses. Sie führt zurück ins 18. Jahrhundert. Damals kamen Scherenschnitte als billige Variationen gezeichneter oder gemalter Bildnisse in Mode. Benannt wurden die Porträts nach dem sparsamen Finanzminister Ludwigs des XV., Etienne de Silhouette. Künstler wie Jean Huber und sein Lieblingsmodell Voltaire machten Schattenrisse bei den kleinen Leuten des Biedermeier populär. Ihre Nähe zu Volkskunst und Kitsch begleitet die Fertigkeit des Silhouettierens bis heute; zudem reizte sie Esoteriker, Dichter und Denker wie Johann Caspar Lavater, Johann Wolfgang Goethe (von ihm ist in der Schau ein lebensgroßer Schattenriss zu sehen) und Georg Christoph Lichtenberg zu ebenso absurden physiognomischen Spekulationen wie spöttischen Kommentaren. Der Kunstbau bietet ein Défilée glänzender historischer Beispiele von Künstlern wie Philipp Otto Runge über Adolf Menzel, Henri Matisse und Pablo Picasso bis hin zu Andy Warhols Diamantstaubbildern.

Erscheint dessen Schatten auf einigen Selbstporträts realer als seine Person, so täuschen die Scherenschnitte der amerikanischen Künstlerin Kara Walker den ersten Blick mit der Niedlichkeit ihrer Formen. Tatsächlich erzählt ihr Wandfries subversiv und drastisch detailliert von rassistischer und sexistischer Grausamkeit. Mit der Nähe zu Trash, Pop und Ornament spielen auch andere junge Künstler wie Simon Periton, Jim Lambie und Paul Morrison. "Das Leben", so erkannte Shakespeare bereits, "ist nichts als ein wandernder Schatten".

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