Kultur : Schatzhaus

Führungswechsel: 30 Jahre Bröhan-Museum Berlin

Hermann Rudolph

Dreißig Jahre sind für ein Museum kein Alter. Aber wenn es in dieser Zeit einen unverwechselbaren Platz in der Berliner Museumslandschaft gewonnen hat, dann darf man von einer bedeutenden kulturellen Leistung sprechen. Erst recht ist ein Rückblick angebracht, wenn ein solches Datum – wie beim Bröhan-Museum – zusammenfällt mit einem Wechsel an seiner Spitze, der bei aller Kontinuität einen Einschnitt darstellt. Das Haus an der Charlottenburger Schloßstraße ist zwar längst ein Landesmuseum. Aber erst jetzt, wo Margrit Bröhan, die Witwe des Gründers Karl H. Bröhan, ihr Direktorenamt in die Hände ihrer bisherigen Stellvertreterin Ingeborg Becker übergibt, tritt es heraus aus seiner Ursprungs- und Gründergeschichte. Und die ist bemerkenswert genug.

Ein Hamburger Kaufmann, der in der Mitte seines Lebens seine Firma verkauft und nach Berlin zieht, um Kunstsammler zu werden. Ein Museum, das auf einem damals noch kunstgeschichtlichen Randterrain entsteht, dem Jugendstil, dem Art Deco und dem Funktionalismus – vom Graben in den „verworfenen Trümmern der Geschichte“ sprach der Publizist Dolf Sternberger, der als einer der ersten über den Jugendstil schrieb. Als Ausgräber unbekannter Schätze empfand sich auch Bröhan. Und wenn er, stets etwas förmlich und hanseatisch reserviert, auf etwas stolz war, dann darauf, dass „mehrere Gattungen des Kunsthandwerks durch meine Sammlungen, Publikationen und Ausstellungen überhaupt erst in das Licht der Kunstlaien und der kunsthistorischen Fachwelt gerückt sind.“

Kein Zweifel, die Wende von Zeitgeist und Geschmack, die der Großväter-Kunst das erstaunliche Revival bescherte, haben das Bröhan-Museum mitgegründet. Aber gerade das spricht für den Sammler, der Gallé-Vasen und Berliner Secessionisten kaufte, als sie noch in den Ecken der Antiquitätenläden vor sich hindämmerten. Natürlich war es das großzüge Mäzenatentum des Sammlers, das den Weg von dem Privatmuseum in Dahlem von 1973 zum heutigen Landesmuseum bahnte. Aber der Kaufmann hatte seinen Anteil daran: Er hat dieses Museum der öffentlichen Hand auch zielstrebig abverlangt.

Das Bröhan-Museum heute: Das sind nicht allein seine 16000 Objekte, mithin die aus Sammlerleidenschaft erwachsene Aufbereitung des tiefen Blicks in die Formen- und Gefühlswelt einer fern-nahen Epoche. Es sind auch die Ausstellungen, mit denen das kleine, feine Haus am kulturellen Klima der Stadt mitstrickt. Zumal in den letzten Jahren hat es seine Flügel bewegt, indem es den Jugendstil als europäische Bewegung in den Blick rückte – eben Finnland, gegenwärtig Tschechien. Zu danken ist das ohne Zweifel Margrit Bröhan, die vor drei Jahren ihrem verstorbenen Mann nachfolgte, und Ingeborg Becker, der neuen Direktorin.

Aber so einfach lässt sich der Anteil der scheidenden Direktorin nicht bemessen. Die Germanistin und Kunsthistorikerin, Autorin von Monografien zu Berliner Malern von Baluschek bis Leistikow, aber auch der Edition der Erinnerungen des Publizisten Theodor Wolff, hat an der Seite ihres Mannes das Haus mitgestaltet. Nicht zuletzt seine Atmosphäre: Sie präsentiert sich gesellig, mit gut gelauntem Ehrgeiz. Eröffnungen sind im Bröhan-Museum immer überfüllt: Zeichen dafür, daß ein wohlgeneigtes Publikum seinen Erfolg mitträgt.

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