Kultur : Schatztruhe

Zum Tod des Schriftstellers Antonio Tabucchi.

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Der Mann hat eine seltsame Beschäftigung. Er verfasst Nachrufe auf Menschen, für die sich niemand interessiert. Man könnte ihn für versponnen halten, doch die Zeiten sind nicht so. Halb zieht es ihn, halb sinkt er hin, und plötzlich interessiert sich die Polizei im Portugal des Diktators Salazar für diesen ruhigen Typen.

Vielleicht ist Schreiben überhaupt politisch, und Träumer machen sich verdächtig. „Erklärt Pereira“, erschienen 1994 und später mit Marcello Mastroianni verfilmt, lässt sich als Schlüsselroman von Antonio Tabucchi lesen. Wie auch im „Lissabonner Requiem“ setzt er hier seiner Wahlheimat ein Denkmal. Ja, und vielleicht war der 1934 in der Toskana geborene Italiener der portugiesischste aller portugiesischen Schriftsteller. Mit Ausnahme von Fernando Pessoa natürlich, dem großen Poeten und Analytiker der modernen Seele und der einst so mächtigen lusitanischen Seefahrernation.

Mit Pessoa (1888 – 1935) hat sich Tabucchi ein Leben lang befasst. Er hat Bücher über ihn geschrieben, er hat ihn übersetzt, er kam ihm nahe. Denn auch Tabucchis Erzählungen, wie das wunderbare „Indische Nachtstück“ oder „Die Frau von Porto Pim“, strahlen eine unheimliche Ruhe aus, ein Wissen davon, dass der Boden bodenlos ist, auf dem wir stehen. Einige dieser Geschichten spielen auf den Azoren, jenen Inseln draußen im Atlantik, die Portugals geografische Lage als europäischen Außenposten widerspiegeln. Pessoa, Pereira, Tabucchi – das sind letztlich nur Namen für den portugiesischen Weltgeist, dessen Wesen gemeinhin mit dem Begriff saudade beschrieben wird. Dabei handelt es sich um eine Form der Melancholie, des Träumens, der Selbstverliebtheit, der Einsamkeit, die Tabucchis Protagonisten auszeichnet.

Es kommt nicht darauf an, wenn einer gute Bücher schreibt – aber Tabucchi war eine sympathische Erscheinung. Die runde Brille, der Schnauzbart, die hohe Stirn, der gütige Blick. Es war etwas vom Mann’schen „Tod in Venedig“ um ihn, aber man soll sich nicht täuschen. Wie sein Herr Pereira, so konnte Antonio Tabucchi nicht ruhig bleiben. „Ich habe ehrlich gesagt keine Lust, in einem Land zu leben, das Bürgerwehren autorisiert, Immigration als Verbrechen bezeichnet und mich einmal zur künstlichen Ernährung zwingen könnte“, sagte Tabucchi einmal in einem Interview. Der Literaturprofessor verbrachte viel Zeit in Portugal, und die endlosen Jahre, in denen Berlusconi in Italien herrschte, mochten ihn bestätigen.

Fernando Pessoa schrieb außerhalb der Öffentlichkeit, seine Werke landeten in einer Truhe. Vielleicht hat auch Antonio Tabucchi einen solchen Schatz hinterlassen, wer weiß. Am Sonntag ist er 68-jährig in Lissabon einem Krebsleiden erlegen. Dort wird er beerdigt. So wollte er es: „Die Menschen können sich nicht aussuchen, wo sie geboren werden, aber wo sie leben und sterben schon.“ Rüdiger Schaper

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