Kultur : Schau in den Spiegel, Xanthippe Rheinsberg entdeckt

eine Telemann-Oper

Carsten Niemann

Zufall oder nicht: Es war ein Librettist der Barockzeit an der Hamburger Oper, der den Deutschen Shakespeare zum Vorbild empfahl – lange bevor Lessing und Goethe auf die gleiche Idee kamen. Und auch wenn die damals entstandenen Opernlibretti holzschnittartiger und absurder anmuten als die Werke des Stratforder Genies, atmen die prallen Haupt- und Staatsaktionen voller aktueller Anspielungen und politisch unkorrekter Satiren doch shakespeareschen Geist. Und was den Texten an glaubwürdiger Charakterzeichnung und emotionaler Tiefe abgehen mag, machen die Kompositionen ihrer noch immer unterschätzten Schöpfer wie Reinhard Keiser, Johann Melchior Conradi oder Georg Philipp Telemann wett. Sie unterhalten nicht nur mit farbiger Instrumentation und eingängiger Melodik, sondern vermögen bei aller Komik oft gerade die unmöglichsten Situationen ins ernsthaft Berührende kippen zu lassen.

Eine Stärke, die sich auch bei Georg Philipp Telemanns 1721 entstandener Oper „Der geduldige Sokrates“ erweist, die von der Kammeroper Schloss Rheinsberg aus der Vergessenheit geholt wurde. In der Oper stürzt ein neues Gesetz, das den männlichen Athenern vorschreibt, zwecks Geburtensteigerung zwei Frauen zu ehelichen, die Protagonisten in vielfache Eifersuchtsdramen und den stoischen Titelhelden Sokrates in eine doppelte Ehehölle. Ausgerechnet Diana Maria Fischer als kratzbürstiger Xanthippe ist es vergönnt, die etwas reserviert dreinblickenden Premierengäste zum ersten Szenenapplaus hinzureißen, mit einem schauspielerisch wie sängerisch eindringlichen Porträt der ängstlich den Spiegel befragenden Philosophengattin. Eine sängerschauspielerische Glanzleistung bietet auch Michael Berner in der (Neben-)Rolle von Sokrates’ Widersacher Aristophanes: Mit sicherem Charaktertenor und einer Fülle ebenso präziser und wie urtrocken komödiantischer Gesten zeichnet er das grotesk-komische und doch gerade in der Überzeichnung berührend starke Bild eines Kritikers, der Verklemmtheit hinter Arroganz verbirgt.

Eike Gramss’ Inszenierung, welche die Handlung in einem mediterranen Café spielen lässt, verwandelt leider nicht alle Steilvorlagen von Text und Musik. Dass der dramatische Faden nie abreißt, dafür sorgt der musikalische Leiter Wolfgang Katschner: Der Alte-Musik-Spezialist wirkt mit den Musikern des Preußischen Kammerorchesters wahre Wunder an differenzierter und plastischer Gestaltung. Und sei es Zufall oder Shakespeares Geist: jedenfalls erwacht man am nächsten Morgen von dieser Rheinsberger Opernnacht zufrieden wie nach einem leichten, angenehm verwirrenden Sommernachtstraum.

Weitere Aufführungen im Schlosstheater Rheinsberg 23., 26. 27. 29. 30. Juli

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