Kultur : Schau! Mich! An!

„Tanz im August“: Produktionen von Rubato & Mahjong und Héla Fattoumi

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Mit Stäbchen rücken die fünf chinesischen Tänzer der zarten Wang Hao zu Leibe. Sie entblättern die Schöne, ziehen ihr mit ein paar resoluten Handgriffen Jacke und Hose aus. So vollzieht sich die Geburt der neuen Chinesin – in Calvin Klein Underwear. Deutlich ist der Name des Logos auf den roten Panties zu lesen. Die Szene aus „Look at me, I’m Chinese“ ist augenzwinkernd ironisch – und fragt zugleich nach der Identität in Zeiten des globalisierten Kapitalismus.

Das Berliner Duo Rubato hat schon mehrfach in China gearbeitet. Für ihre neue Produktion haben sie sechs junge Tänzer aus Schanghai, Peking und Guangzhou zusammengebracht. Fast alle kommen vom traditionellen Tanz und schlagen sich jetzt als freischaffende Künstler durch. Drei Monate haben Dieter Baumann und Jutta Hell in Schanghai mit den Tänzern recherchiert und probiert. Experimentiert wurde mit Formen, die das Lebensgefühl junger Chinesen ausdrücken – und die Tänzer werden ausdrücklich als Ko-Autoren genannt.

„Look at me, I’m Chinese“ will zu einem anderen Blick herausfordern. Die Tänzer stellen sich einzeln namentlich vor. Sie berichten, was sie lieben und was sie hassen – und was sie für typisch chinesisch halten: Da reichen die Antworten von Fußmassage über Disziplin bis zur Farbe Rot. Und immer wieder fordern die Tänzer die Zuschauer auf, sie anzuschauen – und über den Zusammenhang von Kultur und Körper nachzudenken.

Den rasanten Wandel in China will Rubato reflektieren, dabei können sie aber den Hang zum Didaktischen nicht verbergen. Das Stück zeigt, wie der Einzelne fest eingebunden ist ins übermächtige Kollektiv . Wenn die Tänzer zur Gruppengymnastik antreten, unterwerfen sie sich einem militärischen Drill. Rubato zeigt aber auch Auflösungserscheinungen: Da taumeln die Tänzer wie Elementarteilchen über die Bühne. Das tradierte Harmonie-Ideal schimmert manchmal noch durch, darunter aber steckt Aggression.

Doch die Choreografie will auch Spielräume für Individualität erkunden. In den Soli sieht man, wie sich alte in neue Formen transformieren. Wenn aber zu kühlen Electro-Klängen die Formeln des zeitgenössischen Tanzes durchdekliniert werden, wirkt das oft nur wie eine lustige Modenschau. Nonchalant mischen die Tänzer östliche und westliche Outfits, Li Ling Xi trägt zu Hotpants eine Bluse mit den typischen langen Ärmeln, die Boys präsentieren sich in rosa Seidenjäckchen oder im pinkfarbenen Stretchkleid. Doch alles wirkt wie Pose für den westlichen Betrachter. So läuft das Stück Gefahr, alte Klischees bloß durch neue zu ersetzen – auch wenn sie einen aparten Look haben.

Eine wirkliche Provokation stellt das Solo „Manta“ von Héla Fattoumie dar – es ist das erste Mal, dass beim „Tanz im August“ eine Tänzerin im Ganzkörperschleier auftritt. In Frankreich wurde jüngst ein Burka-Verbot auf den Weg gebracht. Für die in Tunis geborene Fattoumie, eine der eigenwilligsten Choreografinnen Frankreichs, ist die Kontroverse Anstoß, sich einer physischen Erfahrung auszusetzen, die sich rasch zur Leib-Haft entwickelte. Beginnend mit der Vollverschleierung, lässt Fatoumie das Aufbegehren des eingesperrten Körpers ahnen. Mit wilder Wut reißt sie sich dann die Verhüllung vom Leib. Beim Schlusssong – einer Version von James Browns „It’s a Man’s World“ – zitiert sie Vorbilder wie Simone de Beauvoir oder Niki de Saint Phalle. Behaupte da keiner, der Feminismus habe ausgedient.

„Look at me, I’m Chinese“; Noch einmal heute, 20 Uhr, im Radialsystem

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