Kultur : Schau mir in die Augen, Träumer

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Der nlose erwacht aus einem Alptraum. Und wird nicht aus seinen Träumen entlassen. Er hat die Augen weit geschlossen: ein Traum im Traum im Traum. Der Namenlose (Wiley Wiggins) in Waking Life schlafwandelt durch die Stadt. Er taucht auf in Cafés, Studentenbuden und Schlafzimmern. Und trifft auf seltsame Gestalten: Selbstdarsteller und Paranoide, Intellektuelle und Esoteriker, Schwafelköpfe und Neurotiker. Der Regisseur Steven Soderbergh hat einen Kurzauftritt. Julie Delpy und Ethan Hawke liegen gemeinsam im Bett. Und noch ganz andere Figuren kehren wieder, die man aus Richard Linklaters Welt kennt. – „Waking Life“ erzählt keine Geschichte; er lässt erzählen. Und hört zu. Alle Filme Linklaters muss man als großen Lauschangriff verstehen. In „Slacker“ (1991) hat er 100 Personen zugehört. In „Dazed und Confused“ (1993) waren es 20. In „Before Sunrise“ (1994) nur noch zwei. Nach „Suburbia“ (1996) und „The Newton Boys“ (1998), seinem Abstecher ins große Hollywood-Historienkino, ist Linklater wieder zur Zuhör-Form seiner Anfänge zurückgekehrt. – Vor allem aber ist „Waking Life“ ein formales Experiment: Ursprünglich mit Digital-Videokameras gedreht, wurden die Realaufnahmen nachträglich mit Computer-Software rotoskopiert, das heißt: zu einem knallbunten Animationsfilm verfremdet. Das Ergebnis sieht mal aus wie Malen-nach-Zahlen, mal wie ein japanischer Manga. Dann wieder fühlt man sich an Zeitungskarikaturen erinnert, an Kinderbilderbücher oder die Gemälde des Afroamerikaners Jacob Lawrence. Herausgekommen ist ein Zettelkasten-Film zum Thema Traum. Ein Film, der aus Theoriegeraune, Fragen nach den letzten Dingen und namedropping besteht – von Timothy Leary und Thomas Mann über Augustinus und Aristoteles bis Billy Wilder und Benedict Anderson. Nur einer fehlt in diesem Film über das Träumen: Sigmund Freud. Schwer zu sagen, worum es in dem Film eigentlich geht. Die Visualisierung von Träumen? Das Katalogisieren von Traum-Ansichten? Das Hypnotisieren des Zuschauers, der sich selbst bald in einem Traum (also schlafend) wähnt? Am Ende hebt der Namenlose ab und entschwebt wie der Hubschrauber in Tom Tykwers „Heaven". Dem Himmel sei Dank: Der Traum ist aus. (In Berlin im Central und im Eiszeit, dort in der Originalfassung; Foto: 20th Century Fox). Julian Hanich

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