Kultur : Schau schärfer

Kino wie noch nie: eine Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste

Sebastian Handke

Es wird gestorben, geweint, geküsst. Aus dem Fenster geschaut, Auto gefahren oder telefoniert, übrigens auch heute noch meist ohne Handy. Menschen gehen in unheimlichen Häusern Treppen hinauf, und Außerirdische kommen vom Himmel herab. Frauen kreischen, und Männer schauen zweifelnd in den Spiegel: Die Sprache des Films beruht auf wiederkehrenden Figuren, Motiven und Stereotypen. Bild- und medienerprobt wie wir heute sind, ist das keine verblüffende Einsicht mehr. Will man die Elemente aber in ihren verschiedenen Erscheinungsformen vergleichen, ist man auf ein gutes Gedächtnis angewiesen: Denn selbst wer ein großes Filmarchiv sein eigen nennt, kann ja immer nur einen Film auf einmal schauen.

Was man im Kino nicht sehen kann, weil man der Zeitfolge des Films ausgeliefert ist, macht eine Ausstellung in der Akademie der Künste am Hanseatenweg nun erlebbar: „Kino wie noch nie“ versprechen der Filmemacher Haroun Farocki und die Filmwissenschaftlerin Antje Ehrmann. Die Kuratoren haben Arbeiten von Künstlern und Filmemachern zusammen getragen, die das Vokabular des Films aus dem Bildfluss heraus lösen – eine ähnliche Form der „Filmkritik“, so die Kuratoren, wie sie auch bei der Analyse von Einstellungen und Sequenzen im Schneideraum geschieht.

Man hat sich so sehr an die Sprache des Filmes gewöhnt, dass bereits kleine Aha-Effekte entstehen, wenn man ihren Zusammenhang nur leicht auflöst. Haroun Farocki etwa hat sich eine hübsche Kleinigkeit einfallen lassen zu einem der grundlegendsten Konstruktionsmittel des Filmes überhaupt: Seine Video-Installation „Zur Bauweise des Films bei Griffith“ führt vor, wie das Schuss/Gegenschuss-Prinzip im Werk von David Wark Griffith, einem Pionier des Erzählkinos, allmählich zum Erzählmittel reift. Farocki verteilt Schuss und Gegenschuss auf zwei neben einander stehende Monitore. Ein ebenso schlichtes wie amüsantes Angebot zur Blickschärfung, das sich gleich um die Ecke noch fortsetzt: Leinwände und mobile Monitore zeigen Filmschleifen, die archetypische Szenen – Lachen, Weinen, Autofahren – aneinander reihen.

Zwar sind nicht alle Objekte so offenkundig didaktisch angelegt – doch „Kino wie noch nie“ ist auch in seinen experimentelleren Stücken nicht so sehr eine Ausstellung von Kunstwerken, die vom Film inspiriert sind, sondern eine Art Sprachlabor zur Entdeckung der Filmsprache – spielerisch zwar und fast ohne Worte, aber eben doch mit einer leichthändigen Geste der Wissensvermittlung. Harmut Bitomsky, Dokumentarfilmer und Leiter der dffb, konfrontiert in „Das Kino und der Tod“ Variationen des Sterbens aus Dutzenden von Filmen. Astrid Küvers Ölgemälde zeigen Filmfrauen an Filmtelefonen. Stephen Zepke versucht in „Immigrants form Outer Space“ eine Semantik des Alien-Films. Isabell Heimerdinger löscht in ihren „Interiors“ die Darsteller aus den Treppenhäusern des Neo-Gothic-Films. Die Materialität des Films selbst thematisiert Éric Rondepierre in seinen verwitterten Flohmarkt-Trouvaillen: Die Blasen des chemischen Verfalls verleihen den Figuren darin eine seltsame Aura.

Der Titel „Kino wie noch nie“ ist aber vielleicht doch ein wenig hoch gegriffen. Ein Blick ins Internet genügt: Viele Filmliebhaber sind heute, da mit jedem Computer auch ein kleines Schnittprogramm ausgeliefert wird, selbst zu kritischen Schnittmeistern geworden. Da kursierte eine Version von Christopher Nolans Filmrätsel „Memento“ – so umgeschnitten, dass die Puzzleteile des Thrillers in der logischen zeitlichen Reihenfolge ablaufen. Beim Videoportal „Youtube“ finden sich Neu-Synchronisationen, zusammengeschnittene Titelsequenzen, Zeitlupen-Analysen der schlechtesten Filmfaustschläge oder so genannte „short versions“ – herrlich rhythmisierte Zusammenschnitte etwa von „Scarface“ oder „Big Lebowski“ auf jene Momente, in denen einer der Figuren ein „Fuck!“ entfährt. Dass diese selbstherrliche Filmanalyse, das Zerpflücken und Zusammensetzen kanonisierten Filmmaterials, längst ein verbreitetes Spiel ist, auch dafür hätte diese Ausstellung einen Blick haben können.

Akademie der Künste, Hanseatenweg, bis 8. Juli, Katalog (Walther König) 19,95 €

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