Schau über die Ästhetik des Knasts : Totale Kontrolle

Frankfurter Schau über die Ästhetik des Knasts

Christian Huther

Die Zeil ist Deutschlands umsatzträchtigste Einkaufsmeile. Aber das Shopping- Paradies in Frankfurt am Main endet an der Ostzeil mit einem regelrechten Unort, dem Polizeigewahrsam Klapperfeld aus dem Jahr 1886. Der vierstöckige Bau diente bis 2001, 115 Jahre lang, als Kurzzeitgefängnis nach der Festnahme, zur Ausnüchterung, zur Vorführung beim nahen Gericht oder in jüngster Zeit zur Abschiebung. Ein ständiges Kommen und Gehen. Jetzt ist das leer stehende, schmuddelige Gebäude zu besichtigen, samt einer historischen Schau über Gefängnisse.

Das Architekturmuseum in Frankfurt am Main hat dieses ungewöhnliche Ausweichquartier gewählt, da das Stammhaus am Museumsufer renoviert wird. So kann man Architektur am Ort selbst erleben statt nur in Ausstellungen. Als anschaulichstes Exponat dient denn auch das Gefängnis mit seinen abblätternden Wänden, den schweren Eisengittern, den massiven dunkelgrünen Holztüren mit dicken Schlössern und kleinen Gucklöchern. Die Einzelzellen sind beschämende 3,50 Meter lang und 1,50 Meter breit. An der Wand steht das hochklappbare Metallbett, statt Waschbecken und Toilette gab es einen Kübel. Die kleinen Fenster spenden wenig Licht. Und die dicken Mauern lassen einen selbst bei sommerlichen Temperaturen frösteln.

Man mag sich kaum vorstellen, dass hier noch vor wenigen Jahren Menschen inhaftiert waren. Einige Häftlinge bezeugen in Graffiti sogar einen mehrwöchigen Aufenthalt. Andere versuchten mit Wandbildern von alten Bauten etwas Gemütlichkeit zu schaffen. An diesen bröckelnden Wänden hängen nun Tafeln mit Kurztexten, Fotos und Zeichnungen, die einen Bogen von 1600 bis heute schlagen und anschaulich die Haftideologien miteinander vergleichen. Als Inbegriff der totalen Überwachung gilt noch heute das kreisrunde Panopticon von 1791 mit seinem Ring von Zellen und dem Aufseher im Zentrum, realisiert von St. Petersburg (1807) bis Kuba (1932) und beliebtes Denkmotiv für Michel Foucault.

Nicht weniger unheimlich sind die letzten zwei präsentierten Bauten, die Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim und das US-Lager Guantánamo auf Kuba. Verblüffenderweise ähnelt Stammheim im Grundriss einem Hotel- oder Wohnungsbau der Nachkriegszeit. Hier wie dort gehen vom Mittelgang die Räume bzw. Zellen ab. Erst mit der Haft der Roten Armee Fraktion ab 1974 wurde in Stammheim aufgerüstet, von der Schallisolation bis zu Sicherheitsschleusen. Das 2002 errichtete Guantánamo indes besteht nur aus Käfigen mit Sonnenschutz. Doch Hand- und Fußfesseln, Augenmaske, Mund- und Ohrschutz sorgen für absolute Isolation. Es hat sich also viel geändert im Laufe der Zeit. Vor 200 Jahren wollte man auf die Seele einwirken, heute drangsaliert man wieder den Körper.

Frankfurt am Main, Deutsches Architekturmuseum im Polizeigewahrsam, Klapperfeldstraße 5, bis 1. Juli. Katalog 17 €.

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