Schaubühne : Alles wird Blut - „Der Hund, die Nacht und das Messer“

Die Schaubühne zeigt Marius von Mayenburgs Stück „Der Hund, die Nacht und das Messer“. Viel ist dabei allerdings nicht zu sehen.

Andreas Schäfer

Gleich in der ersten Szene des Stücks „Der Hund, die Nacht und das Messer“ von Marius von Mayenburg sagt die Hauptfigur, schlicht „M“ genannt, den Satz: „Ich will die Augen aufreißen, aber die sind schon auf.“ Ähnlich ergeht es dem Zuschauer während der Uraufführung an der Berliner Schaubühne. Er will die Augen aufreißen, um endlich etwas zu sehen. Doch was er auch tut, er sieht bloß: drei Schauspieler, die in apokalyptischem Halbdunkel vom Zusammenbruch von Zeit und Raum erzählen und – getrieben von irgendwie postzivilisatorisch kannibalistischer Gier – abwechselnd das immer gleiche Messer zücken, um es sich in den Körper zu rammen und eifrig ihre Wunden zu lecken. Man kann es nicht glauben. Mehr ist an diesem niederschmetternd belanglosen Abend nicht zu sehen.

Ein Mann isst Muscheln im August. Das hätte er nicht tun sollen. Denn am nächsten Morgen wacht er in einer unbekannten, surrealistisch anmutenden Straße auf. Kein Mensch ist zu sehen, und hinter den Hausfassaden liegen keine Zimmer, sondern Hügel aus Sand. Wo sind wir? In der Weite des Unbewussten? In einem Gemälde von de Chirico, oder in der papierenen Ödnis eines Kafka-Plagiats? Für ein, zwei Minuten schafft die Ausgangssituation eine interessante Atmosphäre des Ungefähren. Doch dann lotst von Mayenburg seinen „M“ weder ins Reich des Geheimnisvollen noch in die feinstoffliche Sphäre der Poesie (wie es Kollege Schimmelpfennig tun würde), sondern lässt ihn tumb in ein infantiles Horrorkabinett stapfen. Ein sogenannter „Hundemann“ taucht auf, zieht aus unerfindlichen Gründen ein Messer und hat es dann plötzlich selbst im Bauch. Obwohl „M“ beteuert, keiner zu sein, der „so was macht“, hat er in der nächsten Szene aus Versehen auch die Schwester des Mannes umgebracht. Der Polizist, der plötzlich auftaucht, wird vom selben Schauspieler gemimt, der auch den „Hundemann“ gespielt hat. So geht es immer tiefer in das Getriebe der Ohnmacht. Doch statt Schrecken erwarten den Zuschauer nur bürokratisch durchgespielte Doppelgänger-Tricks und kunsthandwerkliche Basteleien rund um die raunenden Worte „Schnitt“ und „Hunger“.

Die Nicht-Regie von Benedict Andrews macht die Sache nur schlimmer. Er lässt die Schauspieler aus gleichbleibendem Dunkel auf Sand- und Ascheflächen (Bühne: Magda Willi) treten und den Text mit dem Charme verkrampfter Konfirmanden aufsagen. Eine Nacht der lahmen Messer.
Wieder am 29. Mai und 5. Juni.

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