Schaubühne : Entertainer des Entsetzens

Sechs Personen suchen einen Ausgang: Die Berliner Schaubühne hat in Athen mit „Hamlet“ Premiere.

Rüdiger Schaper

Lange keinen so starken Anfang gesehen! Aus dem Nichts springt einen der Horror an, ohne Vorwarnung. Eine Handvoll Menschen steht um ein offenes Grab. Strömender Regen. Der torfige Untergrund verwandelt sich in puren Matsch. Heuchelei, Hektik. Der Totengräber kämpft mit dem Sarg, als wär’s ein lebendiges Ding, das sich verzweifelt wehrt. Die Kiste verkantet sich, der Kerl rauscht ab in die Tiefe, taucht mit der Wut der Verzweiflung wieder auf, wirft sich in grimmige Slapstick-Akrobatik. Wenn es schnell gehen muss, geht es gründlich schief. Immer lauter dröhnt die melodramatische Klangschleife, der Sarg will einfach nicht unter die Erde. Ein Untoter!?

Hamlet-Horror: Es gibt keine Realität mehr, die man begreifen könnte, Leben und Tod sind Teil einer vollkommen wahnsinnigen Inszenierung. In dem störrischen Sarg liegt Hamlets Vater, seine Mutter trägt ein weißes Brautkleid mit dem Schleier der Unschuld, sie hat gleich wieder geheiratet – ihren Schwager, den Mörder. Begräbnis und Hochzeit in einem Aufwasch. Alle verhalten sich seltsam konform und zombiehaft, als wäre das alles völlig normal. Die ersten Worte des jungen Mannes, der um Fassung ringt und um die Regiehoheit in dieser brutalen, komischen, vollkommen aus dem Ruder laufenden Familientortur: „Sein oder nicht sein.“

Selten auch war die große Frage so rein rhetorisch. Hamlet als Amoklauf, von der ersten Sekunde an. Mit der brachialen Eröffnung am offenen Grab sind die meisten der klassischen HamletMomente erledigt: des Vaters Geist (er taucht später mal kurz auf), die Yorick-Totengräber-Szene und eben auch der berühmteste aller Monologe. Hier kommt er als Video, mit Hamlets torfverschmiertem Gesicht als Close-Up. Und die Antwort ist ein klares Nein. Nicht sein. An ein Sein ist in diesem dänischen Lotterbettlager, mit diesen verwanzten Verwandten und Freunden, in diesem mutwilligen Ekelwetter (der Regen kommt aus einem Gartenschlauch) nicht zu denken.

„Hamlet“, eine Hasstirade. Regisseur Thomas Ostermeier und die Schaubühne feierten in Athen eine vom griechischen Publikum bejubelte Premiere. Griechenland, das neue Sehnsuchtsland zeitgenössischen Theaters. Unter Direktor Yorgos Loukos hat sich das „Hellenic Festival“ zu einer der größten europäischen Sommerfrischen für Schauspiel, Tanz, Musik entwickelt. Und zu einem finanzstarken Koproduzenten. Die Schaubühne reist durch die Welt wie kaum ein anderes deutschsprachiges Theater, auswärts ist ihr Ruhm größer als zuhause in Berlin. Nächste Woche gastiert „Hamlet“ beim Festival in Avignon, im September kommt er auf den Spielplan am Lehniner Platz.

Vor zwei Jahren zeigte Thomas Ostermeier mit der Choreografin Constanza Macras hier auf dem riesigen Gelände einer ehemaligen Möbelfabrik Shakespeares „Sommernachtstraum“ als vielgestaltiges, sinistres Spektakel. Nackt unter Partywölfen. Unvergessen Lars Eidingers Striptease mit Elefantenmaske und sprechendem Rüssel. Als Dänenprinz spielt Eidinger seine königliche Kleinfamilie nun glatt an die Wand. Darum dreht sich dieser ausgenüchterte Shakespeare-Kommentar: um die Demaskierung von Papa und Mama. Um das Zerreißen der klebrigen Küchen- und Wohnzimmermoral, Helsingör ist eine Hartz-IV-Bude mit Schwert- und Kronen-Karneval, Videokamera und Mikrofon. Ostermeiers Stärken und Schwächen liegen beim „Hamlet“Schmaus wie auf dem Präsentierteller. Selten waren seine Arbeitsmethode, sein Zugriff auf Stücke so plastisch zu studieren: der Kampf mit den Geistern der nächsten Verwandtschaft.

Schaubühnen-Hausautor Marius von Mayenburg hat „Hamlet“ für Ostermeier neu übersetzt und in allen Belangen reduziert. Seine Sprache ist trocken-technokratisch, die Dramaturgie auf das Knochengerüst heruntergeschnitten, das Personal heftig rationalisiert: sechs Akteure in Doppel- und Dreifachrollen. Der Aufriss erinnert an Mayenburgs Mikrofamiliendramen wie „Feuergesicht“ oder „Parasiten“. Und Ostermeier hat in seiner Münchner Fassbinder-Adaption „Die Ehe der Maria Braun“ wunderbar vorgeführt, wie man mit fünf Schauspielern einen kompletten Menschenzoo hinzaubert.

„Hamlet“ hebt sehr viel größer, mächtiger, raumgreifender an mit der langen Tafel im Hintergrund und dem weitläufigen Torfgrund davor. Aber wenn das Grab einmal zugeschüttet und der Boden zugeklappt ist, schiebt sich Jan Pappelbaums Bühne zusammen, verengt sich der Blick, reduziert sich der Radius allzu sehr. Die Schauspieler sitzen aufeinander. Tragen ihre Rollen übereinander, wie Pullover. Judith Rosmair ist die zierliche, etwas brave Ophelia – und mit blonder Perücke und Sonnenbrille die eher indifferente als bösartige oder geile Hamlet-Mutter.

Dem Prinzen fehlen schlicht die Gegner. Urs Jucker als Stiefvater/Onkel Claudius und als Papa-Geist im Video: ein fader Typ. Und Robert Beyer als Polonius: ein Schwätzer und Opportunist. Eidinger ist ihnen körperlich überlegen, sein Intellekt geht im Hang zum Entertainer unter. Ein Entertainer des Entsetzens, ähnlich wie Joachim Meyerhoff in Jan Bosses Züricher „Hamlet“-Inszenierung, die beim Berliner Theatertreffen begeisterte – und nervte. Hamlet als Leerläufer, als kopfloser Kopfmensch, die Intellektuellen werden überflüssig, wie es scheint. Gallig zitiert Eidinger klassisch hochtönende Burgtheater-Hamlets von einst. Das Theater resigniert: lauthals. Es hat mit dem überwältigenden Auftakt seine Energie und Fantasie schon verballert. Die unheimliche Alptraumklarheit der ersten halben Stunde – sie kommt nicht wieder. Hamlet spielt sich müde und wund. Und zählt die Opfer.

„Wir sind alle absolute Schweine“, brüllt er seine Verflossene Ophelia an, „glaub’ keinem von uns.“ Er weiß auch nicht mehr, ob er Ophelia oder Mutter Gertrud würgt, in den Dreck wirft und unter sich begräbt. Sein Schlachtruf „Theater, Theater“, der fiese alte Katja-EbsteinSchlager, klingt lange nach. Klingt nach Selbstbestrafung.

Das Theater ist bei Shakespeare – man erinnert sich – die „Mausefalle“ für Claudius und die Sippschaft. Eidinger, der Marathon-Mann, mimt auch noch den Part des fahrenden Schauspielers – im Kostüm der Mutter. Da beißt sich das Schwein in den Ringelschwanz. Spielt sich das Theater selbst aus. Es sind noch gut zwei Monate bis zur Premiere in Berlin.

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