Schaubühne : Geister, die ich rief

Jetzt auch an der Schaubühne: Thomas Ostermeiers "Die Ehe der Maria Braun" nach Fassbinder.

Andreas Schäfer

Es gibt neben der Masse an Film- oder Romanadaptionen auf der Bühne eine neue Mode zu konstatieren, die allerdings nicht inhaltlicher, sondern logistischer Natur ist. Neuerdings kommt so gut wie keine Theaterpremiere als eben solche heraus, sondern entpuppt sich als Koproduktion, bei der die ersten Aufführungen meist erst in anderen Städten gezeigt werden und dann in Berlin. Anders wäre zum Beispiel die Premierenflut am Maxim- Gorki-Theater gar nicht zu bewältigen. Auch das Deutsche Theater zeigt Arbeiten, die vorher am Hamburger Thalia das Licht der Welt erblickten.

Es ist schön, wenn Inszenierungen überhaupt erst möglich werden, weil sich zwei Theater die Kosten für die Produktion teilen. Trotzdem nimmt man diese Tendenz mit einem Unbehagen zur Kenntnis. Sie hat nämlich das Verschwinden der Unterschiede zur Folge und höhlt unterschwellig eine der Säulen des deutschsprachigen Stadttheatermodells aus: das Arbeiten mit festen Ensembles. Das permanente Koproduzieren und also das Stadthopping der Schauspieler und Regisseure führt – zusammen mit der Gastspielmanie, die es ohnehin schon gibt – zu einer Art Festivalisierung des Stadttheaters. Es mutiert zur Leuchtturm-Inszenierungs-Abspielstation und arbeitet dadurch, einmal bis ans Ende gedacht, frohgemut an seiner eigenen Abschaffung.

Die Praxis schleift aber nicht nur das Profil eines Hauses, sondern hat auf den zweiten Blick auch inhaltliche Auswirkungen auf die Arbeit. Manchmal mögen die Auswirkungen positiver Natur sein – ein Intendant kann womöglich in einer anderen Stadt leichthändiger aufspielen als an seinem eigenen Haus – vermutlich überwiegen aber die negativen. Es droht die Ritualisierung und Erstarrung der eigenen Arbeitsweise und Ästhetik, es droht der berühmte Robert-Wilson-Effekt, denn bekannte Regisseure werden vor allem wegen ihrer Bekanntheit zum Inszenieren in andere Städte geladen, nicht um Neues zu entwickeln, sondern um das zu zeigen, was sie zur Marke gemacht hat.

Gerade ist an der Schaubühne ein besonders lustiger Fall von globalisierter Inszenierungsreiserei zu besichtigen. Vor gut zwei Jahren brachte Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier an den Münchner Kammerspielen „Die Ehe der Maria Braun“ nach dem Film von Rainer Werner Fassbinder heraus. Die Inszenierung wurde daraufhin zum Theatertreffen eingeladen und ist jetzt an Ostermeiers eigenem Haus zu sehen – als sogenannte Berlin-Premiere. Es spricht rein gar nichts gegen diesen Abend. Im Fünfzigerjahre-Teppichbodenambiente von Nina Wetzel kommt – auch dank eingeschnipselter Videobilder winkender BDM-Mädchen und der eingespielten Radioreportage vom 54er WM-Sieg der Deutschen – eine pittoreske Kriegs- und Nachkriegstrostlosigkeit auf.

Brigitte Hobmeier ist als unnahbare Maria Braun bis in die Pudelfrisur hinein ein ganz famoses Hannah-Schygulla-Double, und das vierköpfige männliche Ensemble switcht virtuos zwischen zahlreichen Rollen hin und her. Nur bleibt alles fern und unberührend, kunstgewerblich gut gemacht, aber ohne Dringlichkeit, ohne Leben. Ostermeier kommt gewissermaßen als Regie-Mumie seiner selbst zurück, mit gekonnter, aber eben musealisierter Handschrift. Andreas Schäfer

Wieder am 21. Dezember.

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