Schaubühne: "Nibelungen" : Wo die Mächtigen mauscheln

Dreieinhalb Stunden über Macht, Liebe, Sex und Rache und mit einem Bühnenblutfluss als Finale - Zum Saisonauftakt spielt die Schaubühne die „Nibelungen“.

Christine Wahl
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Blutroter Teppich. Eva Meckbach als Rächerin Kriemhild im Bühnenbild von Stefan Hageneier. -Foto: Joachim Fieguth

In geradezu knuddeliger Einfältigkeit reitet Siegfried, der Drachentöter, am Burgunderhof ein: ein Riesenbaby, das seine Speckröllchen offensiv aus dem Jeansbund quellen lässt und den amtierenden König Gunther um mindestens zwei Köpfe überragt. Der Regierungschef kompensiert diese körperliche Aussichtslosigkeit mit einem orangefarbenen Szene- Rolli und einer verbalen Trockenheit, der das Riesenbaby nicht gewachsen ist. Eine Königsrolle, die dem oft zum Überaktionismus neigenden Schauspieler Robert Beyer ziemlich gut steht.

Die Waffen sind damit klar verteilt und blitzschnell geschliffen am Burgunderhof. Mit der eitelkeitsfreien „Könnt-ihr- euch-vorstellen-was-mir-da-neulich-passiert-ist“-Dramatik, mit der Siegfried seine Drachentöterstory zum Besten gibt wie ein Klempner, der bei der alltäglichen Waschmaschinenreparatur plötzlich auf ein Ufo gestoßen ist, könnte er gar nicht fremder wirken unter den einheimischen Machtfeinmechanikern. Selbige lauschen ihm denn auch in einer Mischung aus Platzhirschneid und Verachtung, die ein Stück weit zur Selbstverachtung wird, weil Gunther & Co. selbst auf Gedeih und Verderb auf die Stärke des Geringgeschätzten angewiesen sind. Schließlich soll der arglose Kraftprotz für Gunther inkognito Brunhild erobern, die eiserne Lady des Nordens, die sich nur dem Stärksten geschlagen gibt, und dafür seinerseits Gunthers Schwester Kriemhild zur Frau bekommen. Ein Mauscheldeal wie von heute, will Marius von Mayenburgs Inszenierung von Friedrich Hebbels’ „Nibelungen“ an der Berliner Schaubühne sagen.

Allerdings geht der Hausautor des Theaters am Lehniner Platz in seiner dritten Regiearbeit dafür nicht den Weg der äußerlichen Vergegenwärtigung. Im Gegenteil: Er versucht, den blutigen Mythos von sämtlichen Zuschreibungsschichten, Aufladungen und Vereinnahmungen freizuschaufeln und darunter den Kern zu finden – was angesichts des Ballasts, der sich da über die Jahrhunderte angehäuft hat, ein gewaltiges Unterfangen ist.

Ein Versuch in Richtung Jürgen Gosch, wenn man so will. Gespielt wird fast requisitenfrei auf einer Holztreppe (Bühne: Stefan Hageneier), die die gesamte Bühne ausfüllt. Einige Deals und politische Unterredungen finden auch am ebenso unspektakulären Holztisch davor statt. Die Figuren, die in Jeans, T-Shirts und Parkas zu Beginn wie hineingeborgt wirken in diese Kämpfe aus grauer Vorzeit, füllen – so Mayenburgs Plan – die Burgunderkluft schon bald irritationsfrei aus. Im letzten Teil kann sogar der Musiker Nico Selbach, der das Geschehen bis dato aus sicherer Distanz begleitet hatte, im grauen Anzug spontan als König Etzel ins Gemetzel eingreifen.

Dass es sich bei den Tragödienzutaten Macht, Eroberung, Verrat, Liebe, Sex und Rache um gewaltige zeitlose Kräfte handelt, ist natürlich alles andere als ein neuer Befund. Man muss von Mayenburg aber zugestehen, dass er ihn mit seinem minimalistischen Konzept erst einmal überraschend beiläufig, plausibel und wenig zeigefingernd auf die Bühne bringt.

Dafür hat er augenscheinlich viel Probenzeit auf die Textarbeit verwendet: Die Schauspieler sprechen klar, konzentriert, maximal verständlich, minimal pathetisch (und wissen im Übrigen auch wovon, was ja bei Stoffen wie Hebbels 150 Jahre altem Tragödien-Dreiteiler nicht unbedingt Usus ist im Gegenwartstheater). Dazu kommt die Strichfassung so sauber und sinnfällig daher, dass die Schaubühne mit dieser Inszenierung problemlos sämtlichen Berliner Schulklassen auf die „Nibelungen“-Sprünge helfen könnte, ohne in massiven Anbiederungsverdacht zu geraten. Die erstaunliche Flüssigkeit, in der Intrige, Verrat und Vergeltung hier über die Bühne rollen, hat tatsächlich den Appeal didaktisch erfolgreicher Literaturvermittlung, ohne dass man dabei die Light-Vorwurfskeule schwingen könnte.

In dieser Flüssigkeit liegt aber gleichzeitig auch die Krux. Der blutige Mythos neigt in Marius von Mayenburgs Inszenierung dazu, sich rückstandsfrei in einer psychologisch ausdeutbaren Familiengeschichte aufzulösen. Das permanente Changieren zwischen dem zeitlosen archaischen Muster und seinen aktuellen Ausformungen, das der Regisseur offenbar im Auge hatte und das zum Beispiel Dimiter Gotscheff in seiner Inszenierung der „Perser“ am Deutschen Theater so grandios vorführte, kippt hier eindeutig zugunsten des Konkreten. Am ehesten gelingt Christoph Luser als hinterhältigem Siegfried-Mörder Hagen Tronje das flirrende Spiel zwischen Psychologie und Transzendenz, zwischen gegenständlicher Missgunst und einer überzeitlich entrückten Verschlagenheit.

Sebastian Schwarz’ rührend täppisch gespielter Siegfried hingegen hätte sicher die allerbesten erotischen Chancen in der Dokusoap „Bauer sucht Frau“. Seine Schwiegermutter Ute ist bei Cathleen Gawlich ganz die faire, fürsorgliche Übermama vom Prenzlauer Berg. Und Eva Meckbach als Kriemhild kann die niedlich-kratzbürstige unschuldige Teenie-Verliebtheit auch dann nicht so recht ablegen, als sie längst zur blutrünstigen Rächerin ihres Gatten geworden ist und ohne mit der Wimper zu zucken ganze Heerscharen hinmetzeln lässt.

Allerspätestens an diesem Punkt ist natürlich Schluss mit dem handelsüblichen Psychologenlatein. Das scheint auch Mayenburg klar zu sein, der seinem eigenen Minimalismuskonzept zunehmend misstraut und immer mehr Emotionsbeschleuniger in die Geschichte pumpt. Das beginnt mit der Musik, die ganze Textpassagen melodramatisch unterlegt, und hört bei dem gewaltigen finalen Bühnenblutfluss nicht auf. Eine gefühlte halbe Stunde lang schleppen die Burgunder in Plastikeimern Kunstblut heran, um damit die Holztreppe zu fluten, während Kriemhild – die Initiatorin dieses buchstäblichen Blutbades – apathisch in der Mitte sitzt. Da hat man das Interesse an ihr aber leider schon verloren: Die dreieinhalb Stunden sind verdammt lang geworden.

Dennoch: Ein Spielzeitauftakt an der Schaubühne, der schon deshalb Bewegung in die Szene bringt, weil er sich ernsthaft an einem ästhetischen Gegenpol zur Arbeit des Hausherrn Thomas Ostermeier versucht. Außerdem lässt sich anhand dieser Produktion immerhin mit Niveau über die Mythen- und Tragödientauglichkeit des Gegenwartstheaters streiten. In wenigen Monaten – im März 2010 – darf die Debatte übrigens fortgeführt werden: Dann zieht das Deutsche Theater mit einer „Nibelungen“-Inszenierung des Dramenskeletteurs Michael Thalheimer nach.

- Wieder am 15., 16., 22., vom 24.-27. und am 29. September sowie am 2., 3. und vom 23.-25. Oktober.

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