Schaubühne : "Othello" - von Epidauros nach Berlin

Antike Dramen werden oft mit Pathos gegeben, bei dem die Grenze zwischen Demut und Pomp fließend ist. Thomas Ostermeier setzt bewusst einen Kontrapunkt. Das ist naheliegend - aber gefährlich.

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Matsch. Desdemona (E. Meckbach) präpariert Othello (S. Nakajew). Foto: Eventpress Hoensch
Matsch. Desdemona (E. Meckbach) präpariert Othello (S. Nakajew). Foto: Eventpress HoenschFoto: Eventpress Hoensch

Die schicke Musik hätte man gern auf CD, aber ist sie für diesen Theaterabend nötig? Thomas Ostermeier zeigt in der Schaubühne Shakespeares „Othello“, wobei man dazu sagen muss, dass diese Inszenierung eine Koproduktion mit dem Hellenic Festival ist und seine Premiere in dem wunderbaren Amphitheater von Epidauros feiern durfte. Wer jemals bei einsetzender Dämmerung auf einem der zehntausend Zuschauer fassenden Marmorränge saß und der Kraft des Ortes gewahr wurde, kann sich vorstellen, wie schwierig es ist, dort zu inszenieren.

Die Stille ist zu beeindruckend, zu erhaben. Meist werden deshalb antike Dramen gespielt und mit jenem antikisierenden Pathos gegeben, bei dem die Grenze zwischen Demut und Pomp fließend ist. Ostermeier setzte dagegen bewusst einen Kontrapunkt. Das ist naheliegend und verständlich. Deshalb aber nicht weniger gefährlich. Der demonstrative Einsatz von Videoprojektionen, Liveband und besonders von Mikrofonen (bei der reinen Akustik des Theaters Gotteslästerung!) kann ebenfalls schnell zur Pose erstarren.

Der inszenatorische Bombast der ersten zehn Minuten jedenfalls lässt noch in Berlin spüren, dass er in Epidaurus vor allem einen Zweck hatte: der Wucht des Ortes etwas irgendwie modern Wuchtiges entgegenzusetzen. Es gibt in der Bühne von Jan Pappelbaum ein Wasserbecken, das hinten von einer Wand aus Lamettastreifen abgeschlossen wird. Vorne schimmert das Nass mal blutrot, mal matschbraun, während über das Lametta und zusätzlich installierte Videowände Abstraktes oder Gesichter in SchwarzWeiß flimmern. Daneben webt, geleitet von dem Trompeter Nils Ostendorf, eine Band einen ansprechenden Hintergrundjazzteppich (Musik der Großstadt!), in den ein paar orientalische Weltmusikklänge (Globalisierung!) eingearbeitet sind. Alle Schauspieler sitzen auf modernen Bürostühlen, Füße im Wasser, und klopfen und trommeln dazu, minutenlang (Esoterik-Welle!) Irgendwann zieht sich Sebastian Nakajew, also Othello, aus, steht nackt im Halbdunkel (Riefenstahl-Archaik!) und wird von Eva Meckbach, die als Desdemona immerhin das Höschen anbehalten darf, unter lauter werdendem Getrommel mit schwarzer Farbe bemalt, bevor sich das Paar in ritueller Langsamkeit umarmt, während die Band etwas spielt, was sich wie der Soundtrack zum Film „Der Tiger von Eschnapur“ anhört (Ironie!). Von allem ein bisschen. Ein bisschen zu viel.

Ein bisschen – das ist auch die Losung der folgenden drei Stunden, die in der Übersetzung von Marius von Mayenburg Jago, den Intriganten, stärker gewichtet. Ein bisschen – weil Ostermeier zwar die Geschichte vom erfolgreichen und erfolgreich Desdemona liebenden Außenseiter Othello, der wütet und nicht nur seine Geliebte tötet, als der ihm von Jago ins Ohr gesetzte Floh der Eifersucht seine Arbeit beginnt, stringent und zügig heruntererzählt. Innere Dramatik will aber nicht recht aufkommen. Die Musik zerteilt das Geschehen immer wieder und rückt es in eine halbironische Ferne, in der die Handlung mehr vorgespielt denn gespielt wird.

Und die Schauspieler sind schlicht überfordert. Eva Meckbach als Desdemona hat anfangs immerhin einige anrührende Szenen, als sie etwa würdevoll und stark ihrem Vater (Thomas Bading) ihre Liebe zu Othello bekennt, wirkt aber sonst zu kindlich, um die Tragik ihrer zusammenbrechenden Welt zu vermitteln. Und Sebastian Nakajew Othello bleibt seltsam starr. Muskulös wie Popeye, haftet seinen Bewegungen etwas Verzögertes und zugleich Übertriebenes an. Wenn er wütend das Kinn reckt, wirkt er wie Heino Ferch, wird er noch wilder, erinnert er eher an den Comedian Markus Maria Profitlich.

Nur bei Jago geht die Sache auf: Stefan Stern zeigt die Banalität des bösen Rumpelstilzchen, flüstert hier, nuschelt und schleimt dort und gibt Jago als Streber, den die Enttäuschung zum großäugigen Giftzwerg gemacht hat.

Wieder am 12., 13., 15.,16. und 17. 10.

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