Schaubühnenaufführung "Die kleinen Füchse" : Rüstzeug des Raubtierkapitalismus

Endlich ist sie wieder da: In „Die kleinen Füchse“ gibt Nina Hoss ihr Debüt an der Schaubühne.

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Bankiersgattin. Regina Giddens (Nina Hoss) pokert gnadenlos. Foto: dpa
Bankiersgattin. Regina Giddens (Nina Hoss) pokert gnadenlos. Foto: dpaFoto: dpa

Mindestens zwei Gründe sprächen für eine Neuinszenierung von Lillian Hellmans „Kleine Füchse“, erklärte Thomas Ostermeier kürzlich. Zum einen handele es sich bei dem 1939 uraufgeführten Drama – steile These – um „das Stück zur Frauenquotenfrage in den Führungsetagen“. Und zum Zweiten habe er jetzt die ideale Schauspielerin dafür: Nina Hoss.

Wir spekulieren mal kühn, dass für die Promidichte im Parkett der zweite Grund minimal ausschlaggebender war. Klaus Wowereit, Herbert Grönemeyer, Fritzi Haberlandt, Michael Thalheimer: Ganz (Kultur-)Berlin wohnte Hoss’ Schaubühnen-Einstand bei. Gelauert hatte man darauf schließlich schon seit dem Sommer, als die Branchensensation bekannt wurde: Nach 15-jährigem Engagement am Deutschen Theater wechselt die Ausnahmeakteurin an den oberen Ku’damm! Dass Thomas Ostermeiers Inszenierung zu dieser Art Gesellschaftsevent tatsächlich idealtypisch passte – dazu später.

Zunächst einmal hat der Chef der Schaubühne völlig recht: Nina Hoss ist eine exzellente Besetzung für die zu Höherem berufene Bankiersgattin Regina Giddens. Deren Schöpferin, die 1984 verstorbene Amerikanerin Lillian Hellman, war selbst eine hochinteressante Figur. Als Mitglied der kommunistischen Partei kämpfte sie, nachdem sie als Reporterin in den Spanischen Bürgerkrieg gezogen war, auf der Seite der Internationalen Brigaden und soll sich – wie Susanne Kippenberger unlängst im Tagesspiegel schrieb – eigens ein neues Designerkleid zugelegt haben, als sie unter McCarthy vor das „Komitee für antiamerikanische Umtriebe“ zitiert wurde.

Zumindest den Designerkleidgeist atmet auch Regina Giddens, die Protagonistin der „Kleinen Füchse“, die von einem rauschhaften Metropolenleben träumt, de facto aber in der Provinz festhockt und deshalb nach finanzieller Unabhängigkeit von ihrem herzkranken Ehemann Horace strebt. Während der sich stationär behandeln lässt, sieht Regina ihre Chance gekommen. Ihre Brüder Ben und Oscar – neureiche Aufsteigerkarrieristen – brauchen Hilfe. Die Beteiligung an dem profitablen Geschäft, die ihnen ein potenter Investor anbietet, funktioniert nur mit Reginas bzw. Horaces finanzieller Unterstützung. Also beginnt die Bankiersgattin gnadenlos zu pokern, um aus dem Deal das Maximum für sich herauszupressen; sowohl gegenüber ihrem Mann als auch ihren Brüdern. Und da es denen ebenfalls nicht an robustem Geschäftssinn mangelt, heckt bald jeder für sich – und selbstredend gegen jeden – einen geheimen Betrugsplan aus.

Im Original ist Hellmans Stück, seinerzeit ein Erfolg am Broadway und später prominent verfilmt, ein echtes Südstaatendrama. Die Zeit- und Ortsbezüge hat Ostermeier indes gekappt. In seiner mit Florian Borchmeyer entwickelten Neufassung hält Frau Giddens in einer Ledersitzgruppe des Bühnenbildners Jan Pappelbaum Hof und liest die „Süddeutsche“.

Dass sie sich mit ihren Bleistiftkleidern in wechselnden Farben an den fünfziger Jahren orientiert (Kostüme: Dagmar Fabisch), scheint eher einem Retromodespleen geschuldet – der zeithistorisch freilich bestens zu den Ratschlägen der Gebrüder passt. „Denk daran, was unsere Mutter immer gesagt hat“, ruft Ben (Mark Waschke) der Schwester hinterher, als sie auf der Treppe einmal besonders symbolträchtig nach oben stürmt: Das „Stirnrunzeln“ einer „gut aussehenden Frau“ bewirke im gemeinen Männerherzen – sein eigenes übrigens eingeschlossen – wesentlich weniger als „ein zartes Lächeln“.

Im anschließenden Moment, in dem Hoss’ Regina auf der Treppe schlagartig innehält, Ben ein abgrundtiefes „Oh Gott“ entgegenschleudert und ihn dabei mit einem Irritationsgrad im Gesicht anschaut, als sei ihr die Klaftertiefe der allgemeinen Chauviblödheit soeben erst bewusst geworden, liegt wahrscheinlich die größte Qualität des Abends: Nina Hoss beim hintersinnigen Zitieren und gleichzeitigen Aushebeln des vermeintlich weiblichen Verhaltensrüstzeugs zuzusehen, gehört zu den bisherigen schauspielerischen Höhepunkten der Saison.

Ansonsten herrscht von Anbeginn pseudoliberale Zeitgenossenschaft im Hause Giddens: Während Regina, Ben und Oscar in einer Art Speisehinterzimmer den Investor (Andreas Schröders) umschleimen, schleicht sich Oscars präpotenter Sohn Leo (Moritz Gottwald) im nerdigen Mitte-Anzug zur jungen Hausangestellten Abbie (Jenny König) und zeigt ihr seine jüngsten Handyschnappschüsse. Über alledem liegt gediegener Atmopop: Der Hollywoodkinoeindruck, den diese Breitwandinszenierung bereits in den ersten Minuten verströmt, mausert sich bald zum Leitmotiv.

Und weil „Die kleinen Füchse“ eben – von wegen Frauenquote – laut Ostermeier „der einzige einigermaßen bekannte dramatische Text“ sind, „aus dem am Ende eine Frau als ökonomische Gewinnerin über die am Machtkampf beteiligten Männer hervorgeht“, hat die Triumphatorin denn auch des Regisseurs Sympathie. Ostermeier zeichnet Regina als Frau, die – zum Ekel immerhin ihrer großherzigen Tochter Alexandra (Iris Becher) – in die kapitalistische Gier vom Patriarchat geradezu getrieben wird. Hoss spielt weniger die coole Zockerin denn die intuitive Pokerin, die sich nach jedem neuen Schachzug qua Seitenblick auf die Geschäftspartner erst mal von der Realitätstauglichkeit ihrer eigenen Forderungen überzeugen muss.

Als Unterstützer jedweder Pro-Quote- Bewegung empfiehlt sich Ostermeier auch mit seinem Männerbild: Weder der unsouveräne, dummköpfige Bruder Oscar (David Ruland) noch der smarte, aber zu wenig risikobereite Ben können Regina ansatzweise das Wasser reichen. Last but not least fehlen selbst Reginas Mann Horace (Thomas Bading), der bei Hellman den kapitalistischen Gutmenschentypus mit einer erfrischend vitalen Bösartigkeit gegenüber der eigenen Frau verbindet, vollends die Macherqualitäten. Dass Regina für den schwerkranken Jammerlappen, der hier in schauspielerischer Perfektion über die Bühne krückt, nichts als die Verachtung übrig hat, wird ihr keiner verübeln. Was allerdings insofern schade ist, als man bei mehr Ambivalenz aus den Dialogen fast Virginia-Woolf-Appeal herausholen könnte.

Aber Thomas Ostermeier hat sich anders entschieden; und der Abend lässt sich durchaus hollywoodesk weggucken. Nur auf den viel zitierten Raubtierkapitalismus bezogen, bleiben die „Kleinen Füchse“ halt wirklich ziemlich handzahm. Christine Wahl

Wieder vom 20. bis 22. Januar, 20 Uhr

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