Kultur : Schaumig

„Aeneas in Carthago“ im Konzerthaus

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Bei vielen Ausgrabungen muss man immer wieder ernüchtert feststellen: Viele Werke wurden zu Recht vergessen. Dieses nicht. Joseph Martin Kraus, in Odenwald im selben Jahr wie Mozart geboren und nur zwölf Monate nach ihm in Stockholm gestorben, hat im Auftrag von König Gustav III. die Oper „Aeneas in Carthago“ geschrieben. Die Aufführung kam jedoch wegen eines (erfolgreichen) Attentats auf den König nicht zustande, und das Stück verschwand 200 Jahre lang in der Schublade.

Aus der befreite es Lothar Zagrosek schon 2006 in Stuttgart, und da er von der Oper nicht lassen kann, hat er es jetzt als „konzertante Aufführung mit Szene“ ins Konzerthaus gebracht. Es ist eine vitale Partitur, die schäumt und tost und sehr effektiv, dabei aber immer glaubhaft, die Betriebstemperatur wechselt. Sie widmet sich den beiden Liebenden Dido und Aeneas in langen lyrischen Passagen und setzt dann wieder Junos (koloratursicher: Cornelia Horak) anschwellenden Zorn mit schnellem Accelerando in Musik um – vom Konzerthausorchester mit trockenem, aber durchaus passendem Esprit gespielt. Nur die Koordination mit dem RIAS Kammerchor, der klanglich homogen singt, klappt zu oft nicht.

Die Rollen sind bis in die Nebenfiguren stimmig besetzt, Dominik Wortig singt den Aeneas mit weichem, in allen Lagen geschmeidigem Tenor, Simone Schneider die Dido mit quecksilbrigem Sopran. Aber sie agiert zurückhaltend und erinnert dabei an eine antike Hillary Clinton – eine Kühle, die man ihrer Stimme auch anhört. Den Begriff „konzertant“ nimmt sie allzu ernst. Während sich Juno und Venus (Catriona Smith) einen veritablen Zickenkrieg von gegenüberliegenden Rängen liefern, sitzen Dido und Aeneas auf profanen Hartschalenstühlen, die Noten in der Hand, und singen von „Liebesglut“. Der Abend (Regie: Susanne Oglaend) leidet unter der Crux vieler konzertanter Aufführungen: Nicht Fisch, nicht Fleisch, ein bisschen was von beidem. Irgendwie soll es Leidenschaft geben, also wird sie auf einer Videoleinwand gezeigt, wo sich zwei junge Darsteller austoben dürfen. Dabei schreit dieses Stück eigentlich nach einer richtigen Inszenierung. So verspricht der Abend ständig etwas, um das er sein Publikum betrügt. Udo Badelt

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