Kultur : Schauplatz Mensch

Liebe, Sex und andere Krankheiten: Das Dresdner Hygiene Museum wird heute wiedereröffnet

Ulrich Clewing

Der Mensch ist durchsichtig. Er hat Knochen aus Aluminium, Blutgefäße aus Kupfer, seine Haut ist aus Glas, und wenn man am Schaltpult Knöpfe drückt, dann fangen seine Organe in allen erdenklichen Farben zu leuchten an. Der „Gläserne Mensch“ ist eine der Hauptattraktionen des Deutschen Hygiene Museums (DHMD) in Dresden. Bei dessen Eröffnung im Jahr 1930 befand sich die Figur, die zur Veranschaulichung der menschlichen Anatomie dienen sollte, in der Apsis einer kapellenartigen Ausstellungshalle. Das passte schon deshalb gut, weil die Erschaffer des gläsernen Menschen ihrem Geschöpf eine Körperhaltung verliehen hatten, die mit den hoch erhobenen Armen und einem in die Ferne gerichteten Blick an den Anbetungsgestus antiker Statuen erinnerte.

Doch das sakrale Pathos des frühen 20. Jahrhunderts würde auf die heutigen Besucher eher befremdlich wirken, daher hängt man das Ganze lieber etwas tiefer. In der neu eingerichteten ständigen Ausstellung des DHMD, die heute eröffnet wird, steht der gläserne Mensch zwar immer noch am Anfang des Rundganges, aber er ist längst keine Sensation mehr, sondern ein Ausstellungsstück unter vielen. Die Ikonen der Moderne sind mittlerweile Greise, da macht diese keine Ausnahme.

Ähnlich wie der gläserne Mensch inzwischen Patina angesetzt hat, musste auch das Deutsche Hygiene-Museum seine Konzeption erneuern, um zeitgemäß zu erscheinen. Zum einen haben sich die Voraussetzungen und medizinischen Notwendigkeiten gewandelt, zum anderen ist die heutige Sicht auf die Dinge eine andere. Zum Glück: Die Geschichte des in Deutschland einzigartigen Museums ist gerade in der Entstehungsphase interessant, besitzt aber auch dunkle Kapitel. Zweifellos war es eine verdienstvolle Gründungsidee, die Bevölkerung über Methoden gesunden Lebens aufzuklären. Wenn jedoch aus dem Körper der Volkskörper wird, wenn Gesundheit keinen erstrebenswerten Zustand darstellt, sondern eine Ideologie, dann werden aus Forschern und Pädagogen Folterer und Massenmörder.

Es gehört zu den Stärken der neuen Präsentation, dass – anders als zu DDR-Zeiten, als man das Positive betonte und das Negative verschwieg – das Museum selbstkritisch mit seiner Vergangenheit umgeht. Immer wieder findet der Besucher Hinweise, die ihm den Schrecken der NS-Zeit, die Gräueltaten der Mediziner, die Verbrechen der Euthanasie in Erinnerung rufen. Das hat nichts verschämt Verschwiemeltes an sich; es ist vielmehr, als habe einer das Fenster geöffnet und endlich frische Luft hereingelassen.

Das Deutsche Hygiene-Museum der Gegenwart unterteilt die Menschen nicht mehr in Kategorien wie gesund oder krank, normal oder anormal. Im Gegenteil: Eines der Hauptanliegen von Museumsdirektor Klaus Vogel und seinem Projektleiter Bodo Michael Baumunk war es, zu differenzieren, vermeintliche Gewissheiten in Frage zu stellen. Dies geschieht durchweg in einem angenehm nüchternen Ton. Es gibt eine Menge anregender Lernstationen: seien es Computerprogramme, seien es Objekte, mit denen man Beeinträchtigungen wie Sehschwächen, Gehbehinderungen oder Altersgebrechen simulieren kann.

Über tausend Ausstellungsstücke werden in dieser ersten Phase der Neueinrichtung der Schausammlung gezeigt (die zweite wird in einem Jahr abgeschlossen sein). Sie ist in vier Abteilungen gegliedert: Im ersten, mit dem Titel „Der gläserne Mensch“ überschriebenen Raum wird die Wissenschaftsgeschichte ausgebreitet und dargelegt, wie sich das Bild vom Menschen und die Möglichkeiten zur Erforschung seines Körpers entwickelt haben. Zeitlich umfasst dieses Kapitel eine Epoche von 300 Jahren, angefangen mit Lehrbüchern wie dem „Thesaurus Anatomicus“ des Mediziners Frederick Ruysch, der von 1638 bis 1731 in den Niederlanden lebte und an der Universität von Amsterdam Anatomie und Botanik lehrte. Damals waren Sektionen noch äußerst selten, und wenn sie stattfanden, wuchsen sie sich häufig zu öffentlichen Belustigungen aus. Schon deshalb war es nötig, haltbare Lehrpräparate von inneren Organen anzufertigen. Ruysch erfand das so genannte Korrosionsverfahren – neben vielen anderen Anschauungsmodellen sind einige dieser ausgesprochen ästhetischen und wertvollen historischen Präparate ausgestellt, Leihgaben des Anatomischen Instituts der Universität Leipzig.

Die Ausstellungsarchitektur tut hier wie auch in den übrigen drei Räumen das Ihrige, um die Objekte gut zur Geltung zu bringen. Sie ist zurückhaltend, stellt sich ganz in den Dienst der Werke und verzichtet auf überkandidelte Inszenierungen. Den beiden Berliner Architekten Carsten Gerhards und Andreas Glücker ist es gelungen, dem Hygiene-Museum ein ansprechendes Gesicht zu verleihen, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Es überwiegt die klassische Museumspräsentation mit Vitrinen, Schubladen und Fächern zum Öffnen; jeder Saal ist in einem unterschiedlichen Farbton gehalten; an den Wänden sorgt hellbraunes französisches Nussholz für Eleganz.

Der zweite Raum widmet sich einem aufreizend großen Thema: Leben und Tod. Das beginnt mit Darstellungen von der Geburt des Menschen nebst Lehrvideo und endet mit den ergreifenden Fotografien von Verstorbenen, die der Hallenser Fotograf Rudolf Schäfer Ende der Siebzigerjahre aufnahm. Zwischen diesen beiden Polen geht es rund: Ein mannshohes X-Chromosom in 300000facher Vergrößerung, das Modell einer menschlichen Zelle (100000 fache Vergrößerung), eine Fruchtfliege in der Größe eines Kalbes (500fache Vergrößerung), dazu klinische Apparate und Maschinen vom Gebärstuhl bis zur „eisernen Lunge“, die einen martialischen Namen trägt und aussieht wie ein U-Boot, tatsächlich aber die automatische Beatmung von Patienten garantieren soll – das alles und noch etliches mehr macht diese Abteilung zu einer tour de force durch die Erscheinungen und Gefährdungen unserer Existenz.

Im dritten Saal „Essen und Trinken“ erfährt der Besucher Wissenswertes zum Komplex „Ernährung als Körperfunktion und Kulturleistung“, im vierten lautet das Thema „Sexualität - Liebe, Sex und Lebensstile im Zeitalter der Reproduktionsmedizin“. Diese Untertitel deuten an, welchen Anspruch das neue Hygiene-Museum an sich selber stellt: Naturwissenschaft und Soziologie zu verbinden, und für jede empirische Untersuchung die gesellschaftliche Relevanz zu illustrieren. Es ist ein großer Verdienst der Ausstellungsmacher, dass sie dabei auf schlichte Gut-Böse-Schemata verzichten. Das grundsätzlich wertungsfreie, unpolemische und doch vielseitig und pädagogisch orientierte Vermittlungskonzept erweist sich als reizvoll. Da betrachtet man sogar den ledernen Ganzkörperüberzug einer Berliner Sex-Fetischistin mit der gebotenen liberalen Sympathie – obwohl der für manche Besucher eine Zumutung ist.

Mehr Informationen unter www.dhmd.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben