Kultur : Schauplatz Museum

Die längste Kamerafahrt der Filmhistorie: Alexander Sokurows „Russian Ark“ lässt sich tragen vom Strom der Geschichte

Kerstin Decker

Patchwork ist eine Frage des schlechten Geschmacks. Es gab Patchwork-Strickdecken, es gibt noch immer Patchwork-Handtaschen. Überhaupt gibt es nur ein Gebiet, wo Patchwork als Tugend gilt. Im Film. Je kleiner die Teile, je mehr Schnitte, umso besser. Manche Filme scheinen nur noch aus Schnitten zu bestehen. Schluss damit, dachte sich eines Tages Alexander Sokurow: „Ich habe es satt zu schneiden. Lasst uns keine Angst vor der Zeit haben!“ Und die Idee, einen ganzen Spielfilm in einer einzigen Einstellung zu drehen, war geboren.

Wovon könnte er handeln? Am besten, dachte Sokurow, von der Geschichte. Die Geschichte hat auch keine Schnitte, obwohl sie meist viel liederlicher und grausamer aussieht als eine Patchwork-Strickdecke. Ohnehin hat Sokurow eine Schwäche für die Geschichte. Er ist wie jeder echte Russe – oder wie das Klischee, das wir von jedem echten Russen haben – ein Nostalgiker. In den 80ern und frühen 90ern, bevor er mit dem Hitler-Film „Der Moloch“ und dem Lenin-Film „Taurus“ von sich reden machte, drehte er zwei Stadt- und zwei Land-Filme, allesamt Elegien: „Die Moskauer Elegie“, die „Petersburger Elegie“, die „Sowjetische Elegie“ und die „Elegie aus Russland“. Es gibt noch mehr Elegien im Gesamtwerk Sokurovs.

Natürlich ist „Russian Ark“ auch eine Elegie. Elegien müssen fließen. Sie sind wie Ströme. Es gibt den Bewusstseinsstrom und den Zeitstrom. Beide haben keine festen Ufer, aber sie nehmen alles mit. So einen Film, der wie der Bewusstseins- und Zeitstrom auf einmal ist und außerdem den Charakter des reißendsten aller Ströme hat, den Charakter der Geschichte, wollte Sokurow machen. Also die längste Kamerafahrt der Filmgeschichte. 90 Minuten, gedreht in der Eremitage. In einem Museum! Im Museum rückt der Betrachter von einem Bild zum nächsten. Rücken ist, bewegungstechnisch gesehen, noch schlimmer als Schneiden. Also ließ Sokurow die Eremitage für die Dreharbeiten räumen. Soweit die romantische Variante der Entstehung von „Russian Ark“.

Es gibt eine prosaische Variante. Vor vier Jahren schlug der Produzent Andrey Deryabin Sokurow vor, einen Film über die Kunstsammlung der Eremitage zu drehen. Und da die Eremitage nur für einen Tag geschlossen werden konnte, musste sich Sokurow beeilen. Er konnte also nur einmal schnell mit der Kamera durch alle Räume gehen. Besser gesagt: sein Kameramann Tilman Büttner, der Steadicam-Spezialist von „Lola rennt“. Aber durch Museen rennt man nicht. Man kommt am besten mit der Kutsche an, wird inmitten von Lachen und Kleider-Rüschen-Überschwang hineingespült in fremde Räume, andere Zeiten.

So wie Tilman Büttner hat noch niemand das Aussteigen aus einer Kutsche und das Betreten eines Gebäudes gefilmt. Als Strudel. Als Strom! Plötzlich ist die Stimme des Regisseurs unter den Abendroben. Sie lässt sich von den Kleidern forttragen, hinein in eine Theaterprobe, auf der man erfährt, dass Regisseure früherer Jahrhunderte auch nicht verträglicher waren als unsere. Zarin Katharina sucht inzwischen ein Klo. Solche Dinge deutet uns die Stimme des Regisseurs, bis wir einen französischen Diplomaten treffen, von dem ein paar Matrosen bemerken, er rieche streng nach Formaldehyd. Er spricht auch so. Er denkt auch so. Er konnte Russland noch nie leiden – abgesehen davon, dass er es liebt. Bei Sokurow ist es genau umgekehrt.

Willenlos fließen wir mit Tilman Büttners Kamera durch die Räume der Eremitage, mit gespaltener Aufmerksamkeit. Zum einen müssen wir uns auf 300 Jahre russischer Geschichte konzentrieren – auch Sankt Petersburg feiert demnächst seinen 300. Geburtstag – zum anderen warten wir natürlich auf den Augenblick, da die Kamera bei ihrer längsten Fahrt aller Zeiten irgendwo anstößt. Oder dass jemand unmotiviert durchs Bild läuft. In nur 36 Stunden Vorbereitungszeit mussten 35 Riesensäle ausgeleuchtet werden, und erst am Drehtag selbst, dem 23. Dezember 2001, konnten die 876 Schauspieler und über 2000 Statisten proben.

Höhepunkt des Films wie des geschichtlichen Augenblicks ist der letzte große Ball am Petersburger Zarenhof von 1913. Kurz davor drohte der Kameramann unter dem Dauergewicht seiner Steadicam zusammenzubrechen, überlegte es sich im letzten Augenblick aber anders. Und noch einmal beginnen die Bilder zu schweben, der ganze Saal, die Orchester gleich mit. Eine glänzende Agonie. Eine Welt, längst zum Untergang verurteilt, weiß noch nichts davon. Ewigkeiten lang sehen wir die Gesellschaft über große Freitreppen den Ball verlassen. Als fände gleich morgen der nächste statt.

Bis zu diesem Augenblick haben wir einem interessanten Experiment zugeschaut – und einer Liebeserklärung an die Eremitage: ein wenig pomadig wie der französische Gesandte und rüschenüberladen wie die Ballgarderobe. Was all die Pracht mit der wirklichen russischen Geschichte zu tun hat, bleibt unklar. Immerhin verdankt sich das Projekt Petersburg dem Modernisierungsfuror eines russischen Avantgarde-Zaren. Zwischen Verwestlichung und Beharren auf dem Eigenen zerriss sich das Land fortan. Und das alter ego der Zarenpracht war ein tief rückständiges Land, in dem bis Mitte des 19.Jahrhunderts die Leibeigenschaft galt.

In den USA hat Sokurows Film bereits 1,7 Millionen Dollar eingespielt – so stellen sie sich dort Mütterchen Russland vor. Nichts von dessen Rückständigkeit ließ Sokurow auf seine „Arche“. Aber jetzt, in den letzten Minuten, wird ein großer Film daraus – durch das, was er nicht zeigt. Denn während wir die Ballgesellschaft herabströmen sehen, wissen wir schon den Panzerkreuzer Potemkin am Newa-Ufer. Deutschland hatte sich eine ganz besondere Kriegslist ausgedacht. Es ließ einen bedenklichen russischen Modernisierer aus seinem Schweizer Dada-Exil nach Russland einschleusen: Lenin. Eben noch hatten wir die Zarenfamilie dinieren sehen. Aber jetzt wird den Bolschewiki Leningrad gehören. Revolution. Explosion von Zeit. Abbruch alles Fließenden. Natürliches Ende der längsten Kamerafahrt.

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