Schauspiel : Eine Plane für die Welt

Zauberhafte Kostüme, umher rennende Musiker: Johan Simons inszeniert Tankred Dorsts "Merlin“ bei der Ruhr-Triennale.

Ulrike Kahle-Steinweh
Ruhrtriennale - Merlin oder Das wüste Land
Das große Aufräumen. Christoph Hornberger und Anne Gehring in Johan Simonis' Inszenierung von "Merlin oder Das wüste Land".Foto: dpa

Ein unermesslich großer Raum, die Bühne breit, mit Planen, Plastik, Sandsäcken gefüllt, eine Werkstatt. Daneben rostige Riesenräder, darüber Träger aus Stahl – wir atmen Geschichte, sehen Menschen schuften, für Kohle, Wärme, Feuer, Energie. Wir sind in der Maschinenhalle Zeche Zweckel in Gladbach. Der Ruhrpott lebt. Auch wenn nur ein einziger Mensch hier auf der Bühne steht, im bunt gefleckten Malerkittel Materialien ausprobiert, schließlich gelbe Farbe auf eine Leinwand klatscht, auf eine zweite malt er den Gral. Wim Opbrouck ist Künstler, ist Zauberer Merlin, er redet mit seinem Vater, dem Teufel, das heißt hier: mit sich selbst. Er soll die Menschheit „zum Bösen befreien.“ Das will Merlin nicht, obwohl er weiß, er kann Utopien nur auf die Leinwand malen, er kann nur aufhalten, abschaffen kann er das Böse nicht. „Warum kämpfst Du?“ fragt Regisseur Johan Simons, fragen auch die Autoren Tankred Dorst und Ursula Ehler.

Eine überirdische Frauenstimme ertönt. Plötzlich sind überall Menschen, sie waren versteckt in Plastikhaufen, hinter Instrumenten. Drei Schauspielerinnen, zwei Sängerinnen, drei Schauspieler, drei Musiker, ein Sänger. Mit diesem Personal zaubert Regisseur Johan Simons „Merlin“ herbei. Das über zwanzigjährige Riesenwerk mit an die fünfzig Personen, über König Artus und seine Ritterrunde, über den Versuch, Gerechtigkeit zu leben und Demokratie, von der Suche nach dem Gral, nach göttlicher Erlösung. Von Parzival, von Grausamkeit, von Unschuld. Von der Liebe, vom Schlachten und Scheitern. Vor allem vom Scheitern. Auf dieser vermüllten Riesenbühne, mit zwei Flügeln, einer Hammondorgel und drei alten Synthesizern erschafft Merlin alias Wim Opbrouck König Arthur und Lancelot, Ginevra und Parzival und viele mehr. Mit ein paar alten Stühlen, indem er einfach erzählt, unübertrefflich erzählt, mit sanftem belgischen Akzent.

Merlin macht aus Artus einen König mittels einer grünen Plane, aus Artus wird wiederum sein Freund und Nebenbuhler Lancelot, mittels zwei Sandsäcken auf den Schultern und einem alten Helm. Königin Genevra üppig in blaues Plastik gehüllt, und alle tragen graue Werkanzüge, das Grundkostüm.

Die Kostüme sind zauberhaft (von Valentine Kempynck mit Myriam Van Gucht), kongenial zur Inszenierung: Mit einfachsten Mitteln entsteht eine Figur, eine Welt. Zertrümmert Merlin einen Stuhl, um ihn zu „dem gefährlich Sitz zu machen“, auf dem nur der Finder des Grals sitzen kann, ohne zu sterben, sehen wir Kreativität. Baut Ginevra die Burg Joyeuse Garde aus drei Schemeln mit einer Zinne aus zerbrochenen Ziegelsteinen und hockt sich dahinter, sehen wir Einsamkeit. Bespritzt Mordred seine triebhafte Mutter Morgause mit einer Flasche Wasser, so ihren letzten Geschlechtsakt simulierend, sehen wir Grausamkeit.

Drei Musiker (Jan Czajkowski, Tom Deneckere, Tom Van Schueren) eilen von einem Instrument zum anderen. Zwei Sängerinnen und ein Tenor, die natürlich auch spielen, singen mit den Schauspielern. Am schönsten einen rhythmischen Kanon, während sie alle wie hingeworfen über- und untereinander auf einem Haufen liegen: „Ich schreite kaum, doch wähn' ich mich schon weit. Du siehst mein Sohn, zum Raum wird Dir die Zeit.“

„Merlin“ postdramatisch, liebevoll auseinandergenommen und lose wieder zusammengesetzt. Musiktheater mit etwas zu viel Musik, nach Wagner, von Christian Homberger und Jan Czajkowski. Mal versetzt die Musik das Stück in Schwingung, mal wirkt sie zu pompös für diese leicht hingetupfte Inszenierung, mit schwerem Orgelklang, dröhnendem Glockenschlag.

Die fabelhaften Schauspieler Anne Gehring, Wim Opbrouck, Judith Pol, Betty Schuurman, Louis van Beek und Kristof Van Boven sind vom NT Gent in Belgien, ihr Theaterdirektor Johan Simons inszeniert zum sechsten Mal auf der Ruhr-Triennale. Der Musiker Christian Homberger ist Marthaler-erprobt. Obwohl grauhaarig und recht beleibt, spielt er den Parzival wie ein staunendes, verlegenes, trotziges Kind, das unbedingt in die ihm fremde Welt eindringen, dort triumphieren will, suchend nach dem Gral, dem Zeichen Gottes. Er findet ihn nicht. Artus tötet seinen Sohn Mordred und damit die Zukunft. Und Merlin steckt im Weißdornbusch. Wir sind am Ende. Die Ruhr-Triennale geht weiter.

Nächste Vorstellungen am 2., 4. und 5. Oktober. Danach im NTGent

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