Schauspielerin Helen Mirren wird 70 : Präsenz, Klasse, Aura

Königin, Haushälterin, Auftragskillerin: Sie hat in ihrer Karriere schon viele sehr unterschiedliche Figuren gespielt, für "The Queen" bekam sie einen Oscar. Jetzt wird die britische Schauspielerin Helen Mirren 70 Jahre alt.

Lisa-Maria Röhling
Eine Lady mit Klasse: Helen Mirren.
Eine Lady mit Klasse: Helen Mirren.Foto: dpa/Etienne Laurent

Sofia Tolstoia, die edle Gräfin, wird zur Furie. Vom Balkon ihres Anwesens reißt sie die Vorhänge beiseite und attackiert ihren Gatten, den Schriftsteller Leo Tolstoi. Gerade hat sie belauscht, dass er sein Erbe Russland vermachen will, Sofia aber möchte es für sich und ihre Kinder. Sie bezichtigt ihn des Verrats, echauffiert sich, schreit, kreischt. Die Haare zerzaust, die Adern am Hals treten hervor. Ihr Mann brüllt zurück: „Du brauchst keinen Ehemann, du brauchst einen griechischen Chor!“

Die Szene aus „Ein russischer Sommer“ zeigt, über welche Spielgewalt Helen Mirren verfügt. Wer kann gegen diesen Ton, den Ausdruck, die Gestik der britischen Schauspielerin noch ankommen? Eben noch elegante Gelassenheit, im nächsten Moment der tobende Sturm. Aber das Gegenteil kann Helen Mirren, diese grande dame des Theaters und des Kinos, die an diesem Sonntag ihren 70. Geburtstag feiert, wahrlich auch. Vielleicht sogar noch besser, wie sie mit dem preisgekrönten Part der Elisabeth II. in Stephen Frears’ „The Queen“ bewiesen hat. Die Queen bescherte ihr mit 62 Jahren endgültig Weltruhm. Ihre Darstellung der britischen Monarchin war ein Meisterwerk des Understatement: stumpfer Gang, gekräuselte Lippen, verkniffene Miene, und doch verlor sie nie die Haltung, ihre distanzierte Würde. Der Oscar dafür: hoch verdient.

Eine Frau, viele Königinnen

In London als Helena Mironoff geboren, wuchs sie in einfachen Verhältnissen auf. Die Familie des Vaters war während der Oktoberrevolution in England gestrandet, die Mutter war die Tochter eines englischen Metzgers. Mit 18 Jahren begann sie am National Youth Theatre in London zu spielen, ihr Hauptrollendebüt gab sie in „Anthony and Cleopatra“. Die Royal Shakespeare Company engagierte sie, es folgten zahlreiche Theaterrollen bei der Company, im Londoner West End, am Broadway und im National Theatre. Für Turgenjews „Ein Monat auf dem Lande“ und Strindbergs „Der Totentanz“ wurde sie für den Tony Award nominiert.

Die erste große Kinorolle übernahm sie im Gangsterfilm „Rififi am Karfreitag“. Ein Jahr zuvor hatte der Skandalfilm „Caligula“ für Furore gesorgt. Dem deutschen Publikum wurde sie als taffe Polizistin Jane Tennison in „Heißer Verdacht“ und als Morgana in „Excalibur“ bekannt. Und schließlich als Frears’ Queen.

Die Krone trägt sie seit jeher gern. Im Bühnenstück „The Audience“ spielt sie erneut die Königin von England, aktuell am Broadway – dafür wurde sie nun endlich auch mit dem Tony Award ausgezeichnet. Für ihre Elisabeth I. in der gleichnamigen TV-Serie von 2001 erhielt sie einen Emmy und zuvor bereits eine Oscar-Nominierung für ihre Königin in „The Madness of King George“.

Die unerschrockene Lady

Mirren hat weniger die subtile, auch verschmitzte Ruhe einer Judi Dench. Ihr Wesensmerkmal ist die mal leidenschaftliche, mal verhaltene, aber immer ausdrucksstarke Körperlichkeit, die ihr Präsenz, Klasse, Aura verleiht. Meist spielt sie einnehmende, vielseitige Frauen: die strenge Chefredakteurin in „State of Play“, die arrogante, französische Köchin in „Madame Mallory“, die verbitterte Haushälterin in „Gosford Park“, die sadistische Lehrerin in „Teaching Mrs. Tingle“. Komödien wie „Calendar Girls“ und Dramen sind gleichermaßen ihr Metier. Zuletzt war sie als Maria Altman in „Die Frau in Gold“ im Kino zu sehen.

Helen Mirren ist eine unerschrockene Lady. Sagt selbst der Queen zum Tee ab und äußert sich kritisch zu Hollywood. Besonders die Diskriminierung älterer Schauspielerinnen prangert sie an. Hollywood, sagt sie, kümmere sich zu sehr um „junge Männer zwischen 18 und 25 und ihre Penisse“. Kein Wunder, dass die Kämpferin auch das Actiongenre erobert hat: Als Auftragskillerin karikiert sie in „Red“ Alters- und Geschlechterklischees. Volle Power.

3 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben