Kultur : Schauspielhaus Hamburg: Der Sturzflug der Möwe

Hartmut Krug

Die erste Produktion des Deutschen Schauspielhauses unter seinem neuen Intendanten Tom Stromberg war ein Überraschungscoup - vor Spielzeitbeginn. Sie fand in einem durch Hamburg rollenden BMW X5 statt. Für immer drei Zuschauer stellte Richard Dresser in ihm die Frage "What are you afraid of?", und ließ sie von zwei zugestiegenen Schauspielern beantworten. Das stets zu mindestens hundert Prozent ausgebuchte Ereignis brachte das Theater von Anfang an ins Gespräch, aber das Publikum nicht ins große Schauspielhaus.

"Hier wird alles neu", hatte Tom Stromberg verkündet, als er von Kultursenatorin Christina Weiss als Nachfolger des übermächtig erfolgreichen (und nach München an die Kammerspiele wechselnden) Frank Baumbacher präsentiert wurde. Das wirkte wie das Pfeifen im Walde. Mit ostentativ zur Schau gestelltem Selbstbewusstsein behauptete da ein vierzigjähriger Theatermanager, er werde nun endlich das avantgardistische Gegenwartstheater und ein junges, neues Publikum ins Hamburger Schauspielhaus bringen - weshalb er erst einmal das Haus umgebaut hat. Mit einem Caféhaus im ersten Rang, einer Espressobar im Kassenfoyer, einem Restaurant in der Kantine und einer Bar im Durchgang zum Malersaal wird das Haus nun "gastronomisch vielfältig bespielt" - mit Cocktailtheater. Und einmal im Monat tobt im Malersaal die Party.

Als langjähriger Leiter des Frankfurter TAT (Theater am Turm) hatte sich Stromberg vor allem mit freien und Gastspielproduktionen experimentellen Theaters profiliert. Als Leiter des Expo-Kulturprogramms organisierte er neben Peter Steins "Faust" ein buntes Event-Programm. Stromberg, der Meister des Spektakels und des Gastspielzirkus, wurde in Hamburg nicht mit offenen Armen, aber mit starken Erwartungen und großen Ängsten empfangen. Einen reinen Gastspielbetrieb und die Zerschlagung des renommierten Ensembles befürchtete man. So ist es nicht gekommen, aber gut ist es auch nicht geworden.

Ganz im Gegenteil: Nach noch nicht einmal einem halben Jahr Stromberg-Intendanz steckt das Deutsche Schauspielhaus in einer mächtigen Krise. Offen wird auch schon die Ablösung des Intendanten gefordert. Dabei war alles für den Erfolg programmiert. Jung, cool und avantgardistisch sollte es sein und mit einem Paukenschlag beginnen. Doch die mutige Spielzeiteröffnung mit vier Premieren an einem Abend wurde zu einem veritablen Fehlstart. Die Presse reagierte lau, das Publikum dagegen heftig: Es blieb fern. Jan Bosses Inszenierung von Helmut Kraussers Spiel um surreale Gespensterfiguren, "Haltestelle Geister", musste wegen Zuschauermangels bereits abgesetzt werden. Dagegen wird titelgerecht Jerome Bels raffiniert-naive Tanzperformance "The show must go on", ein intelligenter Scherz über Funktions- und Wahrnehmungsweisen von Theater, der eigentlich auf eine Probebühne gehört, tapfer weiter vor kaum 100 bis 200 Zuschauern im großen Haus gespielt.

Nach dem Auftaktspektakel fiel das Schauspielhaus in ein Loch, aus dem es bis heute nicht herausgekommen ist. Der Ruf war hin, und von allen Seiten erklangen Gräuelberichte von leeren Reihen. Und das im Hamburg der Kaufleute, die das nicht unumstrittene Theater von Strombergs Vorgänger Frank Baumbauer auch deshalb akzeptierten, weil er ein breites Publikum anlockte. Und weil er so prächtig wirtschaftete, dass er seinem Nachfolger eine Reserve von fünf Millionen Mark hinterließ.

Nur die kleinen Spielstätten kommen an bei Strombergs Publikum. Ob das Kino "Cinema" um die Ecke oder das Rangfoyer, in dem sich bei René Polleschs kultig-greller Soap "world-wide-web-slums" meist mehr als die 60 vorgesehenen Zuschauer drängen. Und der Internet-Auftritt des Schauspielhauses unter " www.schauspielhaus.de " wird auch als Erfolg bezeichnet.

Doch das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg ist das größte Sprechtheater Deutschlands. Hier könnte man 1311 Plätze anbieten. Allerdings hat Stromberg den einst für Luk Percevals Shakespeare-"Schlachten!"-Spektakel angefertigten Zuschauerraum-Einbau beibehalten. So muss er nur wenig mehr als 911 Plätze füllen. Was ihm allerdings auch nicht gelingt, selbst wenn die offiziell mit 60 Prozent angegebenen Auslastungszahlen stimmen sollten.

Es fehlt viel im neuen Schauspielhausteam - vor allem ein dramaturgisches Konzept. Die Mixtur aus wenigen Eigenproduktionen, vielen Gastspielen (Jan Lauwers, Charlotte Engelkes, Heiner Goebbels) und Übernahmen musikalischer Programme (Jacques Brel, Franz Wittenbrink)wirkt hilflos und beliebig.

Im Moment scheint das zusammengewürfelte Dramaturgenteam nur notdürftig mit den jungen Regisseuren des Hauses vernetzt zu sein. Es wird gestoppelt und gestümpert. Das Konzept des Schauspielhauses ist zur Zeit nicht mehr als der Geschmack Tom Strombergs, und ist deutlich von gestern. Schon als Tom Stromberg das Theaterprogramm der letzten "documenta" verantwortete, wirkte es wie ein Abgesang auf eine verdiente, aber mächtig in die Jahre gekommene Avantgarde. Deren alte Kleider versucht Stromberg nun seinem Hamburger Publikum als die neueste Mode anzupreisen. Das kann nicht gut gehen, weil er mit falscher Selbstsicherheit sein Publikum und die Anforderungen, die eine solch riesige Bühne wie das Schauspielhaus an Regisseure und an Dramaturgen stellt, deutlich unterschätzt. Beide verlangen großes Theater statt kleiner, zumeist verstaubter Spezialitäten. Zumal das Hamburger Publikum, das seit Jahrzehnten auf Kampnagel modernes experimentelles Theater präsentiert bekommt, nicht belehrt werden möchte.

Nur einmal, bei Tschechows "Möwe", mit der Stefan Pucher nicht nur die große Bühne clever benutzt und zugleich verweigert, wird erfolgreich eine Auseinandersetzung mit neuen Theaterformen versucht. Hier wird die Beschäftigung des Theaters mit dem Theater, das Spiel im Spiel, das Stromberg als Spielplanlinie behauptet, virtuos szenisch wie gedanklich packend vorgeführt. Der andere größere Publikumserfolg im großen Haus dagegen, der "Struwwwelpeter", ist nur der durchaus geschickte und unterhaltsame deutschsprachige Neuaufguss einer seit Jahren durch Europa tourenden Londoner Erfolgsproduktion.

Das aber ist zu wenig für einen Intendanten, der mit dem Anspruch daherkam, den Hamburgern das definitiv gültige neue Theater zu bringen. Leicht macht es Tom Stromberg auch sein Konkurrent Ulrich Khuon nicht, der als gleichfalls neuer Intendant am Thalia Theater erfolgreicher agiert. Stromberg dagegen scheint den Geist, der unter Baumbauer das Schauspielhaus durch alle Abteilungen vereinte, schnell verscheucht zu haben. Es bröckelt heftig hinter den Kulissen.

Nach nur einem halben Jahr, begleitet von heftigen Theaterkämpfen in der regionalen Presse, ist die Krise offenkundig. Peter F. Raddatz, seit elf Jahren kaufmännischer Geschäftsführer des Schauspielhauses, hat seine außerordentliche Kündigung eingereicht. Ein Paukenschlag, ein Warnsignal. Es geht um das Publikum, das nicht kommt, und um das künstlerische Konzept, das nicht vorhanden ist. Auch andere leitende Mitarbeiter aus der Verwaltung haben gekündigt oder wollen es tun. Wenn selbst Dramaturgieassistenten, für die ein Haus wie dieses eigentlich ein Karrieretraum sein müsste, kurz vor der Flucht stehen, wird klar: Es ist was faul im Staate Stromberg.

Das Haus ist so sehr in Unruhe, dass sich das Ensemble öffentlich hinter seinen Intendanten stellen musste: "Wir empfinden den hysterischen Ruf nach einem neuen Intendanten als Behinderung unserer Arbeit." Doch die Besucherzahlen im Haus an der Kirchenallee sollen den Tiefstand der letzten 25 Jahre erreicht haben. Die Intendanz kontert mit Auslastungszahlen von 60 Prozent. Tom Stromberg muss jetzt beweisen, dass er außer großer Worte auch zu großen Theatertaten fähig ist. Nur mit dem Scheckbuch durch deutsche Theaterlande zu reisen und sich junge Regisseure für ein "Reigen"-Projekt zusammenzukaufen, bei dem jede Episode von einem anderen Regisseur einstudiert wird, wird Hamburgs Schauspielhaus kaum aus den grundsätzlichen Krise retten.

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