SCHAUSPIEL„Verbrennungen“ von Wajdi Mouawad : Verschleierte Wahrheit

Lena Schneider

Das sitzt. Simons Mutter ist gestorben. Mit seiner Zwillingsschwester Jeanne ist er beim Notar, um das Testament anzuhören. Als der weinerliche, vor Mitgefühl schier überfließende Mann die letzten Wünsche verlesen hat, sagt Simon, dass seine Mutter ihn mal könne. Er sagt allerdings nicht „Mutter“, sondern „die Nutte“, der „Arschfick der Nation“.

So beginnt „Verbrennungen“, ein Stück des im Libanon geborenen Autors Wajdi Mouawad, das Petra Luisa Meyer am Potsdamer Hans Otto Theater inszeniert hat. Was Simon am Anfang noch nicht weiß: Als Folteropfer und Gefangene wurde die Mutter einst zu dem gemacht, womit der Sohn sie nach ihrem Tod betitelt.

Nichts in „Verbrennungen“ ist einfach und normal. Das Stück beschreibt eine Welt, deren Wahrheit die Irrationalität von Krieg und Gewalt verschleiert hat. Die Zwillinge, die in einem friedlicheren Land aufwuchsen, müssen ihre wahre Herkunft erst finden. Und der Weg dorthin führt in die Vergangenheit der Mutter Nawal, die aus einem Land kommt, dessen Geschichte von Vertreibung und Bürgerkrieg bestimmt ist. Die schrittweise Entschleierung der Vergangenheit wird durch die Bühnengestaltung von Matthias Schaller verbildlicht: Eine große, nach und nach verschwindende Wand aus Glas trennt die Bühne in Vorder- und Hintergrund. Die Zwillinge aus dem Jetzt sitzen vorn in weißen Sesseln, die Szenen aus Nawals Jugend spielen hinter der Wand. Zwischen beide Welten senkt sich in regelmäßigen Abständen ein dünner Vorhang aus Regen. Das hat nichts Reinigendes, sondern ist eine permanente Erinnerung an den Tod: Es regnete, als Nawal starb. Lena Schneider

Hans Otto Theater, So 18.11., 15 Uhr, 10-29 €

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