Kultur : Schein oder nicht Schwein

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Peter von Becker über frühe Pornos und spätere Künstler

Natürlich ist sie peinlich, die Sache mit den frühen Pornofilmen von Sibel Kekilli. Um keinen Deut zwar schmälert die fortgesetzte Enthüllungs und Bloßstellungsgeschichte der „Bild“-Zeitung die künstlerische Leistung der jungen Schauspielerin in Fatih Akins Berlinale-Siegerfilm „Gegen die Wand“. Da sind sich alle mal einig. So einig wie in der Beteuerung, dass der furiosen Sibel Kekilli daraus bei einer weiteren Filmkarriere kein Nachteil entstehen dürfe. Aber in die Einstimmigkeit mischen sich ganz verschiedene Untertöne.

„Bild“, vom Pornoproduzenten wohl exklusiv und teuer bedient, tönt mit der Stimme der lüsternen Liberalität, die zugleich Schadenfreude und Bigotterie („Eltern verstoßen sündige Filmdiva“) nicht verhehlt. Die vehementen Verteidiger Kekillis reagieren dagegen mit gleichsam desinteressierter Liberalität: Ein bisschen Pornovergangenheit spielt doch keine Rolle, heutzutage! Diese Verteidigung vergisst, dass es sich dabei für Frauen nicht um emanzipative Frivolitäten, sondern um zumeist demütigende filmische Prostitution handelt. Etwas, was auch liberale Männer bei der eigenen Tochter, Freundin oder Frau nicht so gerne sähen. Und deshalb waren Fatih Akin und die Produzenten von „Gegen die Wand“ in einer misslichen Lage: Hätten sie die Vergangenheit ihrer Hauptdarstellerin offenbart, wäre ihnen das womöglich als spekulative PR-Aktion ausgelegt worden. Tatsächlich gab es ja keine Pflicht, darüber zu informieren. Andererseits wurde Sibel Kekilli auf der Berlinale immer wieder als scheues Naturtalent präsentiert, ohne Schauspielausbildung (was stimmt) und ohne Kameraerfahrung (was weniger stimmt). Also bleibt jetzt ein Beigeschmack von Peinlichkeit – der so oder so nicht zu vermeiden war. Akins Team blieb nichts übrig, als mutig (und richtig) „Gegen die Wand“ zu fahren.

Es ist, ob liberal oder scheißegal, nur ein weiterer Fall in der Geschichte der Doppelmoral. Die aber ist so alt wie die Kunstgeschichte. Nicht die Olympier, sondern die Menschen haben sich die göttlichen erotischen Mythen ausgedacht, um die Religion mit der Lust zu vermählen; und noch bevor die Renaissance wieder den Blick auf die tierisch und menschlich nackten Götterpaarungen eröffnete, hat das fromme christliche Mittelalter seine zigtausend Jesus stillenden Madonnen nicht allein der Andacht, sondern vor allem der Ansicht des baren Marienbusens wegen entworfen.

Geheuchelt wurde immer, und die Grenze zwischen Mensch und Schwein, zwischen schönem und geilem Schein sind so fließend wie zwischen den Worten und ihrem doppelten („fließenden“!) Sinn. Gerne haben Dichter und Künstler ihre sekreten (!) Werke verfasst und verborgen: so Goethe seine pornographischen Schnurren (vom „Hanswurst“ bis zum „Faust“), so Brecht seine „priapeischen“ Sonette, sein poetisches Sinnen, wie „Engel ficken“. Ausgerechnet der Verfasser des Kinderbestsellers „Bambi“, Felix Salten, hat heimlich auch die Hardcorehurereien der Josefine Mutzenbacher geschrieben, und wer den Urberliner Heinrich Zille nur des gestrichelten und photographierten „Miljöhs“ wegen kennt, hat den proletarischen Pornozeichner nie gesehen. Schauspieler galten früher ohnehin als Huren und Böcke, bekamen kein christliches Begräbnis, und bevor eine Diva zur Diva wurde, landete sie im Showbiz erst mal auf der Besetzungscouch.

So betrachtet, schrumpft die Affäre Sibel K. freilich zum Fliegendreck der Kunstgeschichte. Und nach dem Vorleben hat für die Schauspielerin das Leben erst begonnen.

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