Kultur : Schein oder Nichtschein

Jan Bosses Züricher „Hamlet“-Inszenierung beim Theatertreffen – mit Joachim Meyerhoff als furiosem Dänenprinz

Christine Wahl

Am Draufblick auf die Schaltzentralen der Macht mangelte es beim Theatertreffen nicht: In Stephan Kimmigs Hamburger „Maria-Stuart“-Inszenierung konnte man einem imposanten Glaskasten mitsamt nervöser Nadelstreifenfunktionäre beim taktischen Kreisen um sich selbst zusehen. Mit Jan Bosses „Hamlet“-Gastspiel aus Zürich, das im Radialsystem V gezeigt wird, kommt nun quasi die Basisdemokratie ins Macht-Spiel: Als ungefragte Parlamentarier sitzen die Zuschauer an um die Spielfläche angeordneten Festtafeln quasi mitten im Kabinett: Kein Staatsschef, keine First Lady, kein Kronprinz oder Spitzel in Bosses Shakespeare-Variante, der sich bei seinem ersten Auftritt nicht aus dem Zuschauerraum herausschälte. Was Wunder, dass da auch die staatstragende Frage „Sein oder Nichtsein“ – Hamlets berühmte elegische Grübelnummer – gleichsam zu einer Koalitionsdebatte vom Schlage KitaAusbau oder Herdprämie wird: Joachim Meyerhoff als furioser Dänenprinz spricht seine Monologe grundsätzlich nicht innenbeschaulich in sich hinein, sondern platzt sie zum Zwecke basisdemokratischen Gedankenanstoßes in direkter Anrede an die Hinterbänkler heraus. Selbst die Sparmaßnahmen, die das zusehends implodierende Königshaus beuteln, machen vorm parlamentarischen Zuschauerkörper nicht halt: Zwar stehen edle Teller und Becher auf den Tischen, aber für den Inhalt hat es nicht mehr gereicht.

Andererseits: Wer wollte nach Substanz fragen, wo das Silber so schön glänzt? Schein oder Nichtsein – so lautet schließlich die Grundregel politischer Karrieren. Das Spiel im Spiel, das Bosse auf allen erdenklichen Ebenen feiert, und die Spiegel über den Zuschauertribünen, die Politik als hermetischen Ego-Inszenierungsraum vorführen, könnte das besser nicht demonstrieren. Logisch, dass sich der amtierende König Claudius, der schnöde seinen Bruder vergiftet hat, um von ihm neben dem Staatschefsessel praktischerweise auch die First Lady (Franziska Walser) zu erben, glänzend auf den Schein versteht. Dieses Oberhaupt hat sämtliche Rhetoriktrainings absolviert, die die Staatskasse hergibt. Edgar Selge spielt das großartig: Ein moderner Medienpolitiker Schröderscher Couleur und überdies, für die private Seite des „Hamlet“-Dramas, ein moderat-lässiger Neffenversteher, der die antiautoritäre Erziehung erfunden haben könnte.

Den Neffenversteher muss man ihm hoch anrechnen – ist Bosses Königsfamilie in Gestalt des Thronfolgers Hamlet doch mit einem schlaff vor sich hin treibenden Langzeitstudenten inklusive Mutterhörigkeitstendenzen geschlagen. Aus dieser Setzung, Hamlet als nicht erwachsen werden wollendes Kind zu inszenieren, schlagen Bosse und sein Hauptdarsteller derart spielzündendes Kapital, dass man zwischenzeitlich der festen Überzeugung ist, „Hamlet“ sei völlig irrtümlich als Tragödie kanonisiert. Der Dänenprinz als ewiger Spieler, der so lange mit keiner Entscheidung ernst machen kann, bis die allerletzte Realität, der Tod, ihn zwingt – eine plausible Zeitdiagnose. Meyerhoff spielt sich die Seele aus dem Leib; rennt, turnt, slapstickt über die Bühne, dass es eine – wenn auch streckenweise zweckfreie – Lust ist. So kurz haben sich vier Theaterstunden lange nicht angefühlt. Christine Wahl

Noch mal heute 19 Uhr, Radialsystem

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