Kultur : Scheiteln als Chance

Elektronisch verpackt feiert das französische Chanson seine Wiederauferstehung

Thomas Thiel

Lange fühlten sich die französischen Popmusiker wie Zwerge, die auf den Schultern von Riesen stehen. Zwischen angloamerikanischer Popmusik und eherner Chansontradition schien wenig Platz für einen eigenen Stil. Doch seit Beginn der Neunzigerjahre hat sich ein neues musikalisches Selbstbewusstsein formiert, das inzwischen zu einem exportfähigen Phänomen herangereift ist. Musiker wie Dominique A, Katerine und Vertrand Burgalat streifen durch die Archive der Popmusik und schneidern dem Chanson ein zeitgenössisches Gewand. Die „Nouvelle Scène Française“ ist eine Antwort auf die Krise des Chansons in den Achtzigerjahren, das, wie es Jungstar Benjamin Biolay formuliert, mit „einem Vokabular von weniger als sechzig Wörtern auskam“.

Die Erfolgsgeschichte beginnt in der bretonischen Provinzstadt Nantes und führt zurück ins Jahr 1992. Damals spielten Philippe Katerine und Dominique Ané in ihren Studentenzimmern ihre Debütplatten ein, nannten sich fortan nur noch Dominique A und Katerine und setzten von der Provinz aus zum Marsch durch die Institutionen der Musikszene an. Die Alben erschienen bei dem Independent-Label Lithium und wurden von dem Pop-Intellektuellen-Magazin „Les Inrockuptibles“ enthusiastisch besprochen. Dominique A und Katerine ersetzten das versteinerte Pathos der alten Chansons durch intimere Texte und variantenreichere Arrangements. Aus dem Schatten Dominique As trat bald seine Begleitsängerin und Ex-Freundin Françoiz Breut heraus, eine elfenhafte Erscheinung, die mit sanft-melancholischer Stimme die tieferen Regionen des menschlichen Seelenlebens auslotet.

Jerome Minière, Matthieu Boogaerts, Benjamin Biolay und Bertrand Burgalat sind heute die prominentesten Akteure, die an die Pionierleistung Katerines und Dominique As anknüpfen. In ihrer unbeschwerten Attitüde vielleicht sogar prototypisch für ein neues Selbstverständnis der französischen Kulturszene, die ihr nationales Kulturerbe nicht mehr krampfhaft von äußeren Einflüssen abzugrenzen versucht. Alte Chansonheroen wie Charles Trenet und Leo Ferré halten als Inspirationsquellen ebenso her wie der Elektrorock von Kraftwerk oder Pink Floyd. Die einzige gemeinsame Bezugsgröße ist Serge Gainsbourg, der schon in den Siebzigern das Chanson mit Reggae- und Popexperimenten aufgemöbelt und mit abgründigem Zynismus ausgehöhlt hatte.

Dem gelackten Charme der Liedtradition setzt die Nouvelle Scène-Gründergeneration um Katerine, Dominique A und den „Amélie“-Soundtrack-Lieferanten Yann Tiersen den Mut zum Dilettantismus entgegen. Der Newcomer Benjamin Biolay fühlt sich stets „à la limite du dégout“ im snobistischen Milieu des Showbiz. Und selbst Dominique A wirkt nach zehn Jahren Musikkarriere noch wie ein Anfänger, der sich den Regeln des Showgeschäfts verweigert. Seine minimalistische Bühnengestik ist auch ein deutlicher Gegenakzent zum Starkult der „Star Académie“, dem französischen Pendant zu „Deutschland sucht den Superstar“.

Misanthropen unter Kitschverdacht

Die Stars des Nouvelle Chanson sind Singer/Songwriter: nicht bloß Interpreten, sondern auch Autoren. Der häufige Vergleich zum Autorenkino der Nouvelle Vague kommt nicht von ungefähr. Zumal Katerine dem Godard-Star Anna Karina zu neuem Ruhm verhalf, und Benjamin Biolay für die Chanson-Veteranen Henri Salvador und Juliette Greco komponierte. Schnell handelte sich die Szene den Vorwurf ein, eine Harmonie zu besingen, die zum Kitsch tendiert. Es mag tatsächlich etwas seltsam wirken, wenn Benjamin Biolay mit Vorliebe über Meereslandschaften und Hirschkäfer textet. Wenn dagegen Dominique A in seinem bekanntesten Lied den Mut der Vögel im eisigen Wind besingt, könnte man das auch als Kampfansage verstehen.

Katerine hat sich von den hochfliegenden Ambitionen seiner frühen Werke entfernt und kultiviert in seinen Texten nun seine innerliche Zerrissenheit. Hinter federnd-leichten Rhythmen verbirgt sich abgründige Melancholie: „Ich werde mein Glück nirgendwo finden. Überall fühle ich mich schlecht. Mein Leben ist die Geschichte eines fortgesetzten Scheiterns.“ Und Benjamin Biolay hat seine neue, gerade auch in Deutschland erschienene CD nicht bloß „Négatif“ (Virgin) genannt, er beginnt sie auch mit der ernüchternden Feststellung „Alle Menschen sind Arschlöcher“. Die schillerndste Figur im neuen französischen Popuniversum ist Bertrand Burgalat. Der Produzent von Gruppen wie Pulp und Jamiroquai gilt als feste Größe in der internationalen Elektronikszene. Sogar dem Skandalschriftsteller Michel Houellebecq („Elementarteilchen“) verhalf er zu einer Rockkarriere. Houellebecqs Texte, die vor allem der Frage nachgehen, ob noch ein Hauch von Leben in den informatisierten Menschentypen unserer Zeit steckt, harmonieren erstaunlich gut mit Burgalats subtilen Arrangements. Das Joint Venture funktionierte so lange, bis Houellebecq seine Rolle als Rockstar zu ernst nahm und beim Konzert in der Berliner Volksbühne seinen Auftritt verweigerte. Nun ist es Burgalat, der sich weigert, weiterhin die „Mama für den Dichter“ zu spielen.

Während Burgalat und Katerine in Japan längst Stars sind, hat in Deutschland erst ein Nouvelle-Scène-Aktivist den Sprung in die Charts geschafft: Yann Tiersen, der mit seinen Instrumentalstücken am Rande der Bewegung steht. Seine Filmmusik zu „Die fabelhafte Welt der Amélie“ war ein europäischer Exportschlager. An seinen Erfolg könnte jetzt Benjamin Biolay anknüpfen. Der Mittzwanziger, der in Lyon aufwuchs und heute in Paris lebt, erregte schon 2001 mit seinem Debüt „Rose Kennedy“ Aufsehen. Seine effektvollen, fast schon zu konzeptualistischen Popchansons veredelt Biolay mit Elementen der Kammermusik. Auf seinem zweiten Album „Négativ“ ist neben elektronischen Beats auch ein Jimmie-Rodgers-Sample aus dem Jahr 1928 zu hören. Biolays Helden sind allesamt tot: Mahler, Strawinsky, Lennon. Die Entwicklung der Popmusik ist für ihn eine Verfallsgeschichte. Biolay hat sich eine Titanenaufgabe vorgenommen: Aus den Trümmern etwas Neues aufzurichten.

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