Kultur : Scherzgrenzen: Kein Aas hat sich erschreckt

Thomas Lackmann

Natürlich hat alles vorher angefangen. 300 Jahre Preußen zu bejubeln und nur 100 Jahre Kabarett, das wäre komisch! Sogar der Vater des Alten Fritz hat sich bereits, neben seinen langen Kerls, ein Institut für intelligentes Entertainment geleistet. Star dieses so genannten "Tabakskollegiums" war der Freiherr Jacob Paul von Gundling, "Präsident der preußischen Societät der Wissenschaften. Er muste viel um den König seyn, und selbigen mit historischen Discoursen unterhalten", bemerkt ein Lexikon des 18. Jahrhunderts, "wobey ihm aber manche Fatalität und Verdruß widerfahren". So wurde er, im Bett oder im Käfig, einem Bären zugesellt, oder er führte mit Intellektuellen Dispute, welche in den Schlägen glühender Pfannen auf den nackten Körper gipfelten: War das Varieté? Cabaret? Wen trifft die Pointe? Jedenfalls: ein Programm für Kopf und Bauch.

Zuschauer wollen lachen, der Komiker will leben. Später allerdings kommt dann doch noch die Aufklärung, der Bürgersalon, die kritische Öffentlichkeit hinzu, und endlich 1882 als politisch spitzes Ur-Cabaret das Pariser Café "Chat Noir", mit seinen Chansons, von denen ein Alfred Kerr schwärmen wird: "In diesen Liedern ist alles, Kot und Glorie, Himmlisches und Niederstes. Mit einem Wort: Menschliches, Menschliches, Menschliches ... In zwölf Zeilen spricht so ein Dideldumlied von den letzten Dingen."

18. Januar 1901. Vorhang auf für Deutschlands erstes Kabarett an der Berliner Alexanderstraße: Bald schon zeichnen sich Erfolge und Pleiten künftiger Kleinkünstlerei ab - im Scheitern dieses kurz nur florierenden Etablissements und im allgemeinen Brettl-Boom. Mit seinem biedermeierlich gestylten "Bunten Theater" namens "Überbrettl" will der Freiherr Ernst von Wolzogen das Tingeltangel-Niveau anheben, ohne die Zensur zu reizen. Eine Satire über jenen Marschallstab, welchen hohe Offiziere stets in den Händen halten, kostet ihn fast seine Konzession. "Wir werden eine neue Kultur herbeitanzen! Wir werden den Übermenschen auf dem Brettl gebären! Wir werden diese alberne Welt umschmeißen!" ruft "Überbrettl"-Poet Otto Julius Bierbaum. Erotisirend steht im Vordergrund des Repertoires das libertinäre Thema Liebelei. Monatelang ausverkauft ist ein Schnitzler-Einakter über den Fin-de-siècle-Genießer Anatol, der sagt: "Ich suche ein Asyl für meine Vergangenheit ... Ich beginne ein neues Leben auf unbekannte Zeit". Nach dem Umzug der Bühne zur Köpenicker Straße, wo man wegen der Zensur oft auf geschlossene Gesellschaft achtet, verlässt der Freiherr das seines Erachtens durch Kommerzialisierung verflachte Unternehmen. Gern hätte er dort "geborene Damen und gebildete Herren" wie aus dem Stegreif spielen sehen, vor ebenbürtigen Gästen, die sich dabei fühlen wie im Salon. Aber das "Bunte Theater" liegt in einem Arbeiterviertel.

Den Hofnarren ein Gnadenbrot

100 Jahre später gibt es, obgleich die Berliner Akademie der Künste den Jubilar mit einem liebevoll komponierten Veranstaltungszyklus ehrt, so viel leider nicht mehr zu feiern. Die zündenden Zeiten der "Elf Scharfrichter" und der "Kleinen Freiheit" an der Isar, von "Schall und Rauch" und "Tingel-Tangel-Theater" an der Spree sind nur noch Legende. "Jede Nacht halb zwölf sah man hier ein interessantes Publikum, meist in Frack und großer Toilette," berichtete über das seit 1907 bestehende "Chat Noir" der Reichshauptstadt der Conférencier Willi Schaeffers: "die Menschen der großen Berliner Gesellschaft, die Diplomaten, die Herren aus den Ministerien, die von ihren offiziellen Diners kamen und sich hier noch zwei Stunden geistvoll unterhalten lassen wollten." Wäre das heute vorstellbar?

Das Kabarett, schrieb 1932 in der "Weltbühne" sein Autoren-Genie Friedrich Hollaender, sei "das gegebene Schlachtfeld, auf dem mit den einzig sauberen Waffen geschliffener Worte und geladener Musik jene mörderischen aus Eisen in die Flucht geschlagen werden können ... Der Effekt, der im Kabarett aus Stimmungskontrasten gezogen wird, ist wirklich unüberbietbar." Wer glaubt das noch? Die Quantität der Gigs macht keine Qualität. Die subversive Intimität seines halböffentlichen Zwischenraumes hat das Kabarett verloren. Als moralischer Hofnarr kaut es das ARD-Gnadenbrot; zur Comedy mutiert, kämpft es im Privat-TV um Massenquote. Mehr noch als brillante Zulieferer zur Belebung alter, neuer Formen fehlen ihm die das Brettl überragenden, schrägen Künstlerformate. Wie Karl Valentin. Wie Wolfgang Neuss. Wie Ortrud Beginnen, den Berlinern bekannt aus dem "Reichskabarett" der 70er Jahre.

"Es war einmal ein Drache ..."

"Ich bin der kleine Hitler und beiße plötzlich zu," sang Ortrud Beginnen bei ihrem letzten Auftritt in der Berliner Schiller Werkstatt - ein Chanson aus Hollaenders Singspiel "Spuk in der Villa Stern", von 1931. "Ihr alle werdet in den bösen Sack gesteckt! Huhu! Hihi! Wauwau! Kein Aas hat sich erschreckt!" Ein atemloser Moment. "Und saßen sie im Viehwaggon / dann sangen Flick und Kompagnon: Fahr schick mit Flick, dann kommst du nicht zurück ..." reimte Mitte der 60er Jahre die Münchner Lach- und Schießgesellschaft über Profiteure des Holocaust. Dem Hörer dieser Platte stockt heute ebenfalls der Atem. Weil solch eine Attacke niemandem mehr zuzutrauen wäre! Weil sich daran, vergleichsweise, die Blässe aktueller Brettl-Krieger zeigt. Deren Die-da-oben-Fronten scheinen klassenkämpferisch so abgenutzt zu sein wie, im Nabelschau-Paradies einer integrierten Gesamtkritik, die Schmerzgrenzen des anything-goes-Publikums. An welche Themen jenseits des NS-Komplexes, an welche Moral-Koordinate soll der postmoderne Narr sich nur halten?

"Es war einmal ein Drache," beginnt das "Kindermärchen", mit dem Berlins Kabarett-Gelehrter Volker Kühn Band III seine Brettl-Anthologie beschließt. Städte, Länder, Völker hat der Drache verschlungen, "er hat von früh bis abends / Gefressen und geschmatzt / Doch bei dem letzten Bissen / Ist er am End zerplatzt." Der Zwölfzeiler behandelt nicht die Wachstumsreligion, den new market oder BSE-Visionen. Geschrieben hat ihn der Lehár-Librettist und Schlagerdichter Fritz Löhner ("Dein ist mein ganzes Herz") 1940 in Buchenwald. Wen trifft die Pointe? Ein "historischer Discours" aus der preußischen Folterkammer: Kabarett trifft ins Jetzt.

Volker Kühns fünfbändige Kabarett-Bibliothek "Kleinkunststücke" erscheint nun überarbeitet bei Zweitausendeins. ca. 2000 S. , 55 DM. - Berlins Akademie der Künste zeigt bis 28. 2. ihre Ausstellung "Die Welt als Cabaret". Vom 18. - 21. 1. veranstaltet sie ein Internationales Symposion: "100 Jahre Kabarett zwischen Protest und Propaganda" und präsentiert außerdem an 14 Abenden Szenen und Dokumente historischer Revuen (bis 6. 2.) .

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