Kultur : Scheues Wesen

Das Soziale in der Kunst: eine Diskussion in Berlin

Andreas Schäfer

Das Podiumsgespräch als solches ist ein undankbares Genre; besonders für einen Moderator, der sich Künstler geladen hat. Künstler sprechen lieber durch als über ihre Kunst und neigen zu Einsilbigkeit und belustigten Blicken, sobald man ihnen mit zu abstrakten Fragen kommt. Noch schwieriger wird es, wenn das Thema des Gesprächs so allgegenwärtig ist, dass man es kaum zu fassen kriegt.

Das „Soziale“ zum Beispiel ist ein großes und sehr scheues Wesen. Überall vorhanden – neuerdings auch wieder verstärkt auf dem Theater – und unter den Schlagworten „Prekariat“ oder „Unterschicht“ in allen Medien – doch sobald man es ausspricht, huscht es um die Ecke und ist weg. Diese Erfahrung macht zumindest der Moderator Dirk Pilz, der während der Veranstaltung „Wie kommt das Soziale auf die Bühne?“ im Virchowsaal der Sophiensäle raffiniert und vergeblich versucht, es wieder hervorzulocken. Erst mit Provokationen (zur Schriftstellerin Kathrin Röggla: „Ist Ihre Arbeit nicht kritisch?“), dann mit freundlichen Unterstellungen (zu Daniel Wetzel vom Theaterkollektiv Rimini-Protokoll: „Mit Affirmation will man ja nichts zu tun haben, oder?“), schließlich, indem er aufs Ganze geht und den Schauspieler Leopold von Verschuer nach dessen „gesellschaftlicher Utopie“ fragt.

Doch die Künstler bleiben stur. Das „Soziale“ kommt ihnen nicht über die freundlich lächelnden Lippen. Von „gesellschaftlicher Veränderung durch Theater“ will niemand etwas wissen. Stattdessen gibt es Einblicke in die persönliche Werk- und Wertstatt: Katrin Röggla ist, poststrukturalistisch geschult, an „Machtstrukturen“ interessiert. Leopold von Verschuer freut sich, wenn er durch Überforderung des Zuschauers „Entspannung“ und dadurch einen „nicht-ökonomischen, utopischen Moment“ erzeugen kann. Regisseur Andres Veiel findet im Mord eines Jugendlichen das „Betonschweigen der deutschen Nachkriegsgeschichte“, und Daniel Wetzel ist ganz affirmativ von einer alten Frau fasziniert, die auf dem Bonner Markt Obst und Gemüse vom Boden klaubt. „Also mehr Neugierde als Engagement“, fasst Pilz enttäuscht zusammen. Er hätte es sich auch einfacher machen können. Ein Lehrer mit Theater-AG hätte sicher anderes erzählt.

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