Kultur : Schicht und Wechsel

Brandenburgs letzte Theaterbastion: Intendant Christoph Schroth verlässt Cottbus

Christoph Funke

Theater machen ohne Leidenschaft, das geht nicht. Schon gar nicht für Christoph Schroth, der seit Jahrzehnten Regie führt, Ensembles leitet, und, vor allem, aus vorher fast vergessenen Provinzbühnen Zentren formte, die Besucher von weit her anziehen. Impulsiv, zupackend und mit fast unzerstörbar guter Laune, versteckt Schroth das Theater nicht. Er holt es mit großer Geste in die Öffentlichkeit und hat dabei auch ein bisschen Jahrmarkt gern.

Jetzt aber wird sich der Intendant des Staatstheaters Cottbus verabschieden, nach elf Jahren. Eine Ära geht zu Ende an der letzten großen Bühne des Landes Brandenburg, in dem es seit der Wende massiven kulturellen Kahlschlag gegeben hat. Schroth, Jahrgang 1937, trotzte dieser Entwicklung. Er schrieb in gewisser Weise – gute – DDR-Theatergeschichte fort.

Christoph Schroth, geboren 1937, hat an den Theatern in Halle (1966 bis 1971) und Schwerin (1974 bis 1989) gearbeitet,, dazwischen an der Volksbühne Berlin (1971 bis 1974) und am Berliner Ensemble (1989 bis 1992). Wo er auch hinkam, bekämpfte er Bequemlichkeit, Ängstlichkeit und Routine. Schroth beugte sich Autoritäten nicht, auch wenn sie anerkannte Lehrer waren und er viel von ihnen lernen konnte. Er war immer darauf aus, das „Einverständnis“ mit der offiziellen Kultur- und Theaterpolitik der DDR anzugreifen, er suchte die Reibung, den Widerstand. In Halle brachte er Stücke auf die Bühne („Franziska Linkerhand“, „Zeitgenossen“), die sich mit der Enge eines vorbestimmten Alltags nicht abfanden und die große, sicherlich auch naive Utopie eines freien Sozialismus verteidigten. In Schwerin machte er die „Entdeckungen“ (nach dem Vorbild Benno Bessons an der Berliner Volksbühne) zum Ereignis. Das Theater öffnete sich, hob alle Schranken auf. Brecht kam auf die Bühne, frisch und frech, herausgelöst aus ideologischer Besserwisserei, und ohne Rücksicht auf lähmende Interpretations-Vorschriften.

Die neue Dramatik stellte sich heftiger Auseinandersetzung, mit Heiner Müller, dem Schwierigen, Sperrigen, beim Publikum scheinbar nur schwer Durchsetzbaren – in Schwerin wurden Müllers Texte durch ihre analytische Klarsicht zur Herausforderung einer stagnierenden Gesellschaft. Auch mit zwei klassischen Dramen machte Schroth in Mecklenburg Furore – der fünfstündige „Gesamt-Faust“ begeisterte das Publikum, erregte die Klassik-Wächter der DDR aufs Äußerste und brachte die staatseigene Reichsbahn dazu, Sonderzüge zu den Aufführungen nach Schwerin fahren zu lassen. „Wilhelm Tell“ dann, im Oktober 1989 als Gastspiel an der Berliner Volksbühne gezeigt, wurde zur Vorstufe des Aufstands gegen das SED-Regime. Heiner Müller schrieb: „Es gab einen Tumult im Zuschauerraum, das war im Oktober 1989 das Freiheitsdrama“.

Danach ging Christoph Schroth zum Berliner Ensemble. Er hatte dort schon erfolgreich als Gast gearbeitet, und obwohl ihm herausragende Inszenierungen gelangen, vergaben die Kulturpolitiker des wiedervereinten Berlin die Chance, den Regisseur zum Intendanten des Brecht-Theaters zu berufen. Wie er damals sagte, „im Berliner Ensemble wollte die neue Leitung mich nicht. Ich hielt es für besser und spannender, dahin zu gehen, wo ich gewollt werde.“ Nach Cottbus also. Als Theaterleiter und Regisseur, als unermüdlicher, wenn auch nicht immer erfolgreicher Kämpfer gegen Subventionsabbau und Kulturverdrossenheit der Politiker aller Richtungen.

In Cottbus brachte Schroth die Gefährdeten und die Tapferen auf die Bühne, die von ihrer Aufgabe Besessenen und die Zauderer, von Shakespeares Hamlet bis zu Brechts Shen Te und Erwin Strittmatters Ole Bienkopp. Er entdeckte Heiner Müllers „Umsiedlerin“ neu - eine weitsichtige, aber auch gewalttätige und engstirnige Utopie verschwindet im gerade neu ausgehobenen Abgrund der Geschichte. Grund genug, im „Staub von Brandenburg“ zu wühlen, nach einem „historischen Schichtwechsel“ (Volker Braun) von großer Tragweite. Die erste Aufgabe, die Schroth für sein Theater sah, war und blieb dabei die „Ermutigung“, das trotzige Dennoch, der Aufbruch aus geographischer und geistiger Provinz. Und so verausgaben sich an diesem Wochenende zum zehnten Mal alle Sparten des Cottbusser Hauses zu Schroths letztem „Zonenrandermutigungs“-Spektakel.

Martin Schlüter, bislang Operndirektor in Cottbus, tritt ab der kommenden Spielzeit die Nachfolge Christoph Schroths als Intendant an. Schroth geht, Energie Cottbus ist aus der Fußballbundesliga abgestiegen – die Stadt braucht Ermutigung mehr denn je.

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