Kultur : Schick den freien Willen in die Wüste HAU 3: Boris Nikitins „Universal Export“

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Die Performerin Beatrice Fleischlin hat auf dem Gästeklo ihrer Tante mal eine bemerkenswerte Postkarte an der Wand entdeckt: „Ich kann, weil ich will, was ich muss“, stand darauf. Wenn man diesen Satz nicht nur im Notdurft-Zusammenhang liest, führt er uns mitten in die Wüste des freien Willens. Deshalb zitiert ihn Fleischlin auch in Boris Nikitins Inszenierung „Universal Export“, denn die verspricht ihrem Untertitel gemäß "eine Reise in unser Gehirn"

Der junge Schweizer Regisseur, der mit seiner Lügenrevue „F wie Fälschung“ nach Orson Welles zum Impulse-Festival eingeladen war und am HAU zuletzt „Das Grundgesetz“ in seiner Gesamtheit unter die Lupe genommen hat, bricht auf zur Cortex-Erkundung. Und dringt in noch tiefere Schichten vor. Er hat so ein sympathisches Talent, sich die ganz großen Themen vorzuknöpfen und sie mit hohem theatralen Ernst aufs Absurde runterzubrechen. Jetzt also heißt es: Kopf auf. Ist es überhaupt möglich, dass ein komplexes System wie das Gehirn sich selber versteht? Da beginnt sie schon, die Grauzone der Synapsen.

Das tolle Ensemble aus Beatrice Fleischlin (die kennt man aus ihrem munteren Diskurs-Striptease „My ten favourite ways to undress“), Nikitins Stamm-Schauspieler Malte Scholz sowie dem Briten Jesse Inman zieht in dieser entspannten „Was bin ich“-Performance Bilanz der eigenen Recherche-Expedition vom Hinterhirn zum Frontallappen. Auch für die Wissenschaft in ziemlich weiten Teilen Terra incognita.

Freilich geht es Nikitin und seinen Mitdenkern weniger um akademischen Forschungsdrang. Sondern mehr um die Reflektion der eigenen Bühnensituation. Was ist das eigentlich für ein Vorgang, wenn ein Hirn andere Hirne beim Beobachten beobachtet? Willkommen im Wunder-Kabinett der Spiegelneuronen, oder, wie’s hier heißt: „Ich freue mich schon darauf, als Konstruktion in Ihrem Kopf stattzufinden“.

Jesse Inman dekliniert dazu in einer großartigen Episode das Prinzip von Einfühlung und Empathie durch: am Beispiel der Rolle eines schizophrenen Jungen, den er mal nach wahren Begebenheiten verkörpert hat. So glaubwürdig, dass dessen Mutter ihn nach der Vorstellung umarmte und nicht mehr loslassen wollte. Dazu stellen die drei Performer jene Sorte bekenntnishaftes Bio-Material zur Verfügung, aus dem für gewöhnlich Erinnerungen und Identitäten zusammengepuzzelt werden, vornehmlich Berichte von persönlichen und beruflichen Krisen.

Überhaupt ist der Abend ein extrem pfiffiges Memory-Spiel mit Ich und Ego. Zweifelhaft ist natürlich, inwieweit man das Boris Nikitin als Verdienst anrechnen kann. Denn mit der Freiheit unserer Entscheidungen ist es ja laut der jüngeren Hirnforschung nicht weit her. Das Hirn spielt Hase und Igel mit uns, führt Malte Scholz aus. Anders formuliert: Wir tun nicht was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun. Patrick Wildermann

Wieder heute Samstag, 20 Uhr

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