Kultur : Schickbilder und Schockbilder

Isabelle Hofmann

Zwei offene Hände in Großformat. Die eine kleiner, die andere größer. Beide verschrumpelt und zerfurcht, übersäht von einer Landschaft aus Linien. Verblüffend, wie sehr sie sich ähneln, die Hand des Greises und die Hand des Neugeborenen. Verblüffend, wie beredt sie erzählen. Vom Kreislauf des Lebens. Von der Mühsal menschlicher Existenz. Mit Bildern wie diesen dringt Walter Schels unter die Haut. Offenbart "Das zweite Gesicht" der Menschen wie auch der Tiere, die kaum je mit so viel Achtung abgelichtet wurden.

Die intensiven Porträts des weitgehend unbekannten, langjährigen "Eltern"-Fotografen Schels in der Freien Akademie der Künste gehören zu den Höhepunkten der "2. Triennale der Fotografie Hamburg" - einer bislang in Deutschland einmaligen Offensive in Sachen Fotografie. Zehn Museen und rund 50 Galerien und öffentliche Einrichtungen unterziehen das Medium flächendeckend einem "reality check". Aber was bedeutet "Annäherung an die Wirklichkeit im Zeitalter neuer Medien"? Wenn diese Triennale etwas deutlich macht, dann, dass sich die Aufsplitterung der Wirklichkeit in viele nebeneinander existierende Realitäten längst vollzogen hat.

Den Anspruch auf Wahrhaftigkeit hat das Medium ohnehin nie erfüllt. Schon in den Kindertagen der Fotografie wurde gefälscht. Wie geschickt, das führt "Kiosk - eine Geschichte der Fotoreportage 1839 - 1973" im Altonaer Museum vor Augen. Die schönen Frauen und Kinder "Unter den Linden", veröffentlicht 1901 in "Berliner Leben", verharrten keineswegs in stundenlanger Starre, bis Georg Busse seine schwere Balgenkamera justiert hatte. Die Damen waren schon damals "virtuell" - einmontiert in die Aufnahme des Berliner Prachtboulevards. Von der ersten deutschen Fotoreportage in der Leipziger "Illustrierten Zeitung" über den Bau des Altonaer Bahnhofs (1845) bis zu den legendären Fotoserien über den Vietnamkrieg in Life, Stern oder Paris Match umfasst die "Altpapier-Sammlung" des ehemaligen Stern-Reporters Robert Lebeck die bedeutendsten Bildreportagen des 19. und 20. Jahrhunderts. Eine grandiose Kollektion originaler Druckerzeugnisse, die zeigt, wie eng der Siegeszug des Bildjournalismus mit europäischer Zeitgeschichte verknüpft war.

Heute sind mehrseitige Fotostrecken nur noch im Lifestyle- und Modebereich gefragt. Auch die Haute Couture aber, so zeigt "Archeology of Elegance" in den Deichtorhallen, ist dem Lebensgefühl gewichen. Punk, Trash, Glamour und Hightech bestimmen heute das ästhetische Spektrum der Modefotografie. Der Titel ist Wortgeklingel, "verschüttete Modeschichten" decken die 150 Aufnahmen von 64 Fotografen nicht auf. Sie stehen vielmehr für die radikalen Positionen jener Trendsetter wie Steven Meisels, Terry Richardson, Nick Knight oder Patrick Demarcheliers, die eine Metamorphose von Mode- zur Kunstfotografie vollzogen. Sex, Drogen und Gewalt nahmen sie als Inspirationsquellen ihrer Selbstinszenierungen und verwandelten "das Schickbild in ein Schockbild", wie es Triennale-Initiator F.C. Gundlach formuliert. So führt es auch Jürgen Tellers drastisch vor Augen. Die abgemagerte Nackte mit der Zigarette zwischen den geschundenen Lippen spiegelt den Prototyp einer drogensüchtigen Prostituierten. Nur die herzumrandete Aufschrift "Versace" zwischen den Brüsten deutet darauf hin, dass die Aufnahme von Kirsten McMenamy 1996 nicht Elend, sondern Luxus transportieren soll.

Ein Vorläufer provokanter Selbstinszenierungen wie dieser ist der Fotokünstler Jürgen Klauke. In den 70er Jahren schockierte er das Establishment mit grellen Maskeraden, posierte mit obszönen, bisexuellen Geschlechtsteilen aus Stoff vor der Kamera. Später wurde die Kunst des Kölners distanzierter, formalistischer. Doch die Lust an der Provokation ist geblieben. "Trost für Arschlöcher" nennt der 59jährige seine jüngste Werkgruppe von uniformen nackten Leibern, die Teil der umfassenden Retrospektive in der Hamburger Kunsthalle ist.

Klauke brach nicht nur gesellschaftliche Tabus, er revolutionierte auch das traditionelle Verständnis von Fotografie. Auf die Exzesse folgte Anfang der 80er Jahre die Ernüchterung. Menschen verkommen zu schwarzgewandeten Spielfiguren in einem absurden Kampf mit Stühlen.

Ein Leben ohne körperliche Liebe - für Michael Najjar ein "ganz reales Zukunftsszenario". Er prophezeit "The End of Sex" schon für das Jahr 2024. Der mit Implantaten neuronal aufgerüstete Mensch hat den Sex dorthin gebracht, wo er entsteht: in den Kopf. Genmanipulierte Lustobjekte und jederzeit abrufbereite virtuelle Sexpartner machen Schizophrenie zum Normalzustand. Die futuristische Diaschau des Berliner Künstlers markiert den einen Pol der Ausstellung "Mythos St. Pauli" im Museum für Kunst und Gewerbe. Eine Schau, in der mehr als 20 Fotografen der Realität des Rotlichtviertels nachspüren. Der andere Pol liegt 35 Jahre zurück. Der Schwede Anders Petersen erzählt mit seinen um 1967 entstandenen Schwarzweiß-Bildern "Café Lehmitz" anrührende Geschichten vom kleinen Glück und von im Alkohol ertränkten Sehnsüchten. Auch damals war die Welt nicht heil. Aber sie war wohl (noch) nicht so gnadenlos, wie sie Peter Hendricks in seinen aktuellen Porträts von drogenabhängigen Prostituierten zeigt.

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