Kultur : Schief durchs Leben

Cornelia Travniceks Debütroman „Chucks“.

Alexander Leopold

Die Chucks, die Cornelia Travniceks Romandebüt seinen Titel gegeben haben, sind rot. Sie gehören dem älteren Bruder der Heldin und Ich-Erzählerin, einer jungen Frau namens Mae Reimel. Der 14-jährige Junge bekommt die Leinenturnschuhe, als er schwer krank in einem Wiener Krankenhaus liegt. Leukämie. „Man braucht keine neuen Turnschuhe in einem Krankenhaus“, weiß Mae. „Man braucht überhaupt keine neuen Schuhe, wenn man stirbt, und am wenigsten solche, die doppelt so viel kosten, wie die, die Eltern üblicherweise für Jungen im Wachstum kaufen würden."

Als ihr Bruder stirbt, trägt Mae die Schuhe weiter. In der Folge durchziehen die Chucks als eines der Hauptmotive den gesamten Roman der 1987 in St. Pölten, Niederösterreich, geborenen Autorin. Sie stehen für das bisschen Leuchten und Lebensmut im spartanischen Krankenzimmer des leichenblassen Bruders; sie begleiten Mae während ihrer Zeit der Reife und auf ihrer Wanderschaft, vor allem auf der Straße, wo sie eine Zeit lang lebt. Und weil sie an den Außenseiten abgelaufen sind, zeigen die Schuhe Mae eines Tages an, wie schief sie insgesamt durchs Leben geht.

„Chucks" ist ein kleiner, trauriger und berührender Adoleszenzroman. In vielen kleinen, immer wieder die Szenerien und Jahre wechselnden Abschnitten erzählt Travnicek aus dem Leben von Mae: von der Beziehung zur Mutter und dem Vater nach dem Tod des Bruders, von ihrer Zeit auf Trebe, von ihrer Beziehung mit dem sturzlangweiligen, durch und durch organisierten Jakob. Und vom aidskranken Paul, ihrer großen Liebe. Dabei strahlt Mae viel Kraft und Energie aus – genauso wie Travniceks Sprache: Die ist bisweilen poetisch, prägnant – und schießt manchmal übers Ziel hinaus, etwa in Formulierungen wie „Ich habe ein Lächeln im Gesicht, das sich hartnäckig weigert, abgesetzt zu werden."

Grammatisch falsch sind solche Sätze nicht, aber etwas arg bemüht. Das zeigt, dass Travnicek mit ihrem Schreiben noch am Anfang steht, sie sich ausprobieren möchte. Den guten Gesamteindruck trübt das kaum. Am Ende, da Mae auf die „schmutzig grauen Gummikappen“ ihrer Chucks schaut und trotz des Todes ihres Freundes Paul „eine Freude, einen Willen zum Leben, zu diesem Leben“ verspürt, weiß man, dass auch Cornelia Travnicek noch viel vorhat. Alexander Leopold

Cornelia Travnicek: Chucks. Roman.

DVA, München 2012.

187 S., 14,99 €.

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