Kultur : Schießen Sie nicht auf den Präsidenten!

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Von Uwe Friedrich

John Booth war der Mann, der das erste erfolgreiche Attentat auf einen amerikanischen Präsidenten verübte. Am 14. April 1865 erschoss er Abraham Lincoln während einer Theateraufführung in seiner Loge. Ein traumatisches Datum in der amerikanischen Geschichte. Zwölf Tage später wurde er selbst auf der Flucht erschossen.

Acht solcher Attentäter und Attentäterinnen sind die Protagonisten in Stephen Sondheims Musical „Assassins". Sie haben versucht, je einen amerikanischen Präsidenten zu ermorden, immerhin vier Attentate waren erfolgreich. Acht Menschen, die im Vergleich zu den musicalüblichen Katzen, Phantomen und Präsidentengattinnen nicht gerade zu Sympathieträgern taugen. Ein schwieriges Thema, gerade in Amerika – und so kam das Stück 1971 nur am Off-Broadway auf die Bühne. Die Wiederaufnahme auf dem Broadway war für den vergangenen Herbst geplant und wurde nach den Terrorattacken auf New York sofort abgesagt. Auch an der Neuköllner Oper wurde nach dem Amoklauf von Erfurt noch einmal gründlich über das Stück nachgedacht. Ein Beispiel: Bis zu diesem Termin hatte das Ensemble mit Wasserpistolen geprobt, weil die Theaterpistolen noch nicht eingetroffen waren. Jetzt aber stellte sich die Frage nach dem Umgang mit Waffen in jeder Form auf völlig neue Weise.

In einer Turnhalle treffen sie aufeinander, die Booth, Guiteau, Czolgosz, Zangara, Fromme, Moore, Hinckley, Oswald, Byck und Goldmann. Bis auf zwei Ausnahmen übrigens alles Männer. Der ewig eitle Charles Guiteau (Tilmann von Blomberg) hat die Schlinge schon um den Hals - und in einer hinreißenden Tanznummer macht er klar, dass er den Präsidenten eigentlich nur zur Publicity für sein neues Buch erschossen hat. Gleichzeitig freut er sich, nach erfolgter Hinrichtung seinem Schöpfer gegenübertreten zu können.

Mit Kasperletheater-Effekten und mitunter hysterischem Gekeife verzichtet Peter Lund in seiner Regie auch nicht auf grobe Mittel. Bühnenbildner Jürgen Kinner nutzt die wenigen Möglichkeiten des Hauses ohne Züge und Versenkung geschickt, indem er den Spielraum durch eine bewegliche Wand variiert und einen erhöhten Spielsteg einbaut, auf dem vor allem die Hinrichtungen in Scherenschnittmanier gezeigt werden.

Der Komponist Stephen Sondheim montiert aus den authentischen Äußerungen der Verbrecher erhellende Psychogramme, zeigt den historischen Hintergrund auf und vollbringt dabei vor allem das Kunststück, diese Figuren nicht zu denunzieren.

Gerade durch den skurrilen Humor in den Alltagsgeschichten hinter dem Verbrechen macht er die aus dem Geschichtsunterricht bekannten Abläufe bedrohlich. Wenn eine Attentäterin zuerst versehentlich ihren Hund erschießt und dann den entscheidenden Moment verpasst, um schließlich dem Präsidenten die Kugel mit der Hand hinterher zu werfen, dann ist das wahnsinnig komisch und gruselig zugleich.

Der Komponist Thomas Zaufke, noch in bester Erinnerung mit seinem eigenen Stück „Cinderella passt was nicht“, hat „Assassins“ neu arrangiert – als Verbindung zwischen der Originalfassung von 1971 mit Schlagzeug, Klavier und Synthesizer und der neuen Partitur für den Broadway mit riesigem Orchester. Das Ergebnis: eine sehr lichte Fassung für sechs Musiker, angelehnt an Strawinskys Klangwelten mit Trompete, Schlagzeug, Klavier, Streichern und Gitarre. Hans-Peter Kirchberg leitet die Aufführung vom Klavier, wobei er stets die heikle Klangbalance zwischen Musikern und Sängern beachtet – schließlich verfügen die Neuköllner Opernmacher nicht über die nötige Mikroportanlage.

Die gesanglichen Leistungen waren erwartungsgemäß nicht ganz homogen. Neben Tilmann von Blomberg kann unter den Männerstimmen vor allem Tillmann Schnieders in seiner untergründig brodelnden Darstellung des Reagan-Attentäters John Hinckley punkten. Saskia Huppert macht Sara Jane Morre zu einer treffsicheren Uta-Ranke-Heinemann-Parodie und die dauerhysterische Lynette Fromme der Jessica Maletzky überzeugt schon durch ihre unermüdliche Kraftentwicklung.

Höhepunkt des Stücks ist das Zusammentreffen aller Attentäter in Dallas, um den zögernden Lee Harvey Oswald zum Mörder an John F. Kennedy zu machen. Gemeinsam stimmen sie das Lied von Glück und Freiheit an. Oswald schießt nicht selber, das Kollektiv nimmt ihm die Arbeit ab. Das ist nicht nur ein dramaturgisch geschickter Schachzug Sondheims, zumal das Geschehen bis heute nicht wirklich geklärt ist. Es ist auch ein sinnfälliges Bild für eine Aufführung, die selbst mehr Fragen stellt, als sie beantwortet.

Wieder am 20. und 22. Juni

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