Kultur : Schiffbruch mit Mensch

Als das Meer ins Kino kam: Über Seefahrer-Filme und die Kunst, auf schwankendem Boden zu leben

Christiane Peitz

Stolz durchschneidet der Bug die Wellen, wenn sich der Stahlriese ins Blickfeld schiebt. Der Mensch, hat er erstmal ein Schiff gebaut, ist mindestens die Krone der Schöpfung. Ob Kreuzfahrtkapitän, Hochseefischer oder Pirat: Die Herren der See trotzen den Winden, und hinten am Horizont dräuen unendliche Weiten. Meeresstille, glückliche Fahrt.

Seit dem Untergang der Titanic ist bekannt, dass die Elemente sich so leicht nicht fesseln lassen. Ein kleiner Eisberg oder ein mittleres Seebebeben genügt, und schon reißt die Natur ihrem Bezwinger die Krone vom Kopf. Und spätestens seit „Titanic“, der Wiederverfilmung mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio, haben Schiffs- und Meeresfilme Konjunktur. Ob Wolfgang Petersens „Sturm“ oder sein „Poseidon“-Remake, ob das animierte Meeresgetier in „Findet Nemo“, Roland Emmerichs Eisvariante „The Day after tomorrow“, die Pinguin- und Surferfilme vom Sommer 2005 oder die Piratenkomödienserie „Fluch der Karibik“: Der Ozean ist neuerdings ein beliebter Schauplatz für die Unterhaltung und Erziehung des Menschengeschlechts. Ein prima Bewährungsprobenraum für echte Kerle und Männer mit Bärten. Die Frauen bleiben am Ufer zurück. Es sei denn, sie gehen verkleidet an Bord.

Bau dir ein Schiff und trotze der Wassergewalt. Die biblische Sintflut brachte die Arche Noah hervor, die antiken Weltmeere waren Odysseus’ schier ewige Heimstatt, Moby Dick wird von Kapitän Ahabs Pequod verfolgt, und Wagners „Fliegender Holländer“ wandelt sich im „Fluch der Karibik“ zum Fantasy-Unhold. Noch die kleinste Nussschale schafft einen provisorischen Kulturraum zwischen Wellengebirgen. Notfalls lässt es sich darin sogar mit Bestien leben, wie in Yann Martells zauberhafter Roman-Odyssee „Schiffbruch mit Tiger“.

In Peter Weirs Seekriegsfilm „Master and Commander“ (2003) erklärt Russell Crowe das Segelschiff umgehend zur Kulturnation. „Dieses Schiff“, ruft er aus, „ist unsere Heimat, ist England.“ Hier gibt es alles en miniature: Ziegen und Kanonen drängeln sich auf Deck, man pflegt Tafelfreuden und Klassengesellschaften, führt Debatten über Pflicht und Moral oder die militärische und zivile Nutzung des Fortschritts. Das Schiff, mobile Keimzelle der Zivilisation, wird zum Versuchslabor für das Überleben der Menschlichkeit in Zeiten des Krieges. Und am Abend greift der Captain zur Geige. Der Feind ist übrigens auch kultiviert, wie sich später herausstellt. Nur bevorzugt er Blasinstrumente.

Fragt sich bloß, woher der Wind heute weht. Manchmal ist die See glatt und klar. Azurblau, flaschengrün schimmernd, ein silbergrau glitzernder Wellenteppich. Du blinzelst in die Sonne, nichts behindert den Weitblick. Unter dir die Höhle und Hölle der ozeanischen Tiefe, die Abgründe der ewigen Nacht. Über dir das lichte Firmament, eine ebenso fremde, unerforschte Welt. Dazwischen das Schiff, ein paar Quadratmeter nur, aber voller unbegrenzter Möglichkeiten. Auf dem Meer bist du frei, hier kannst du dich neu erfinden und die Gesetze dazu – sofern du kein Engländer bist.

Einen Wimpernschlag später peitscht der Wind den Ozean auf, und der Sturm entfesselt die Elemente. Wenn der Himmel nicht schon Tage zuvor Schlechtwetter verhieß, schlägt das Ungetüm ohne Vorwarnung zu, mit unglaublicher Wucht. Schäumende Gischt, Strömung und Strudel, Hurrikan und Monsterwelle: Der Horror kommt aus dem Nichts, und du bist verloren. Eine Riesenwellenwand genügt, und die mächtige Poseidon liegt, schwupps, einfach kieloben. Petersens „Sturm“ dürfte der erste Erfolgs-Blockbuster sein, in dem die Helden ihrem Widersacher nicht zu entrinnen vermögen. Diese Welle überlebt nicht mal George Clooney. Und Melvilles „Moby Dick“ ist auch deshalb das wildeste Meisterwerk der Weltliteratur, weil am Ende nicht der Mensch siegt, sondern der Wal, das Meeresgeschöpf. „Dann brach alles ein, und das große Leichentuch des Meeres wogte weiter wie vor fünf Jahrtausenden.“

Das Schiff, dieses Freiheitsvehikel, wird jäh zur Angstmaschine, zum Gefängnis, zum Sarg. Schon Windstille kann ja mörderisch sein. Man kommt nicht vom Fleck, und Aussteigen ist nicht, wegen der Haie. In solchen Momenten erlaubt ein Boot noch weniger Bewegungsfreiheit als die berüchtigte einsame Insel – und schon gar keine Deckung.

Einen waschechten Seemann ficht solche Enge nicht an. In „Fluch der Karibik 2“ entsteigt Johnny Depp gleich zu Beginn seinem auf dem Ozean dümpelnden Sarg. Nur wenn der Sturm sein Haupt erhebt, sind auch die Rebellen, Meuterer, Abenteurer und Freibeuter jener Wildheit, die sie vom Wasser gelernt haben, wehrlos ausgeliefert. Eben noch frei wie der Wind, hängen sie jetzt in den Seilen, klammern sich an Mast und Reling, Stangen und Stricke. Aber es hilft nichts; Poseidon fordert Blutzoll. Mit Leonardo DiCaprio hat der Meeresgott uns die schönste Eiswasserleiche der Filmgeschichte beschert, im „Sturm“ fegt er die Hochseefischer wie Treibgut von Bord. Die klaustrophobische Enge macht Petersens U-„Boot“ zur Survival-Druckkammer, die einen schier in den Wahnsinn treibt. Und der Riesenkrake in „Fluch der Karibik 2“ verschluckt Schiffe wie Peanuts, eklig fleischgewordene Urangst der Erdbewohner. Gegen solch archaische Monster ist Frank Schätzings „Schwarm“ ein Tierkinderzoo.

Dass der Bergfilm vorerst ausgedient hat, liegt an der Stimmung unter den Landratten. Berge haben Ewigkeitswert. Das Meer droht dagegen mit dem Kollaps der Zeit, wenn die See in Sekunden zur alles verschlingenden Bestie wird. Aus der Tiefe erfolgt der Angriff des Unberechenbaren auf die berechnete Welt. Zwischen Tsunamis und Hitzesommern projiziert der Mensch seine Zukunftsangst auf die Meeresoberfläche, diese seit Urzeiten größte allgemeine Verunsicherung. Wer weiß, was da hochkommt: Alles schlingert und schwankt, dabei hatten wir eben noch festen Boden unter den Füßen. Wohin geht die Reise? Auf nichts ist mehr Verlass, und sogar der Rum geht zur Neige. Da schaut man sich im Kino gerne Schiffbrüchige an.

Natürlich hat die neue Meeresangstlust auch schnöde technische Gründe. Die Monsterwelle, der Salto Mortale des Luxusdampfers, das ikonische „Sturm“Bild mit dem Fischerboot unter gigantischem Wellenkamm – all das verdankt der Zuschauer den Computer-Abteilungen der Filmstudios. Für die Jungs mit dem großen Spielzeugpark ist das ungestüme Meer die ultimative Herausforderung. Hier kann man keine Kameraschienen verlegen, aber mit Spezialeffekten lässt sich die widerspenstige Naturgewalt endlich täuschend echt auf die Leinwand bannen.

Das Meer, der schweigende, allmächtige Gott. Die See, launisch erregte Geliebte. Allemal ein Element der Extreme: für Freiheitsliebe und Freiheitsberaubung, Tatendrang und Opfergang, Krieg und Frieden, Hybris und Demut, Elend und Erhabenheit, Panik und Pathos. Zwar bevorzugen wir längst gemäßigte Temperaturen, aber das Ozeanische steckt uns doch in den Knochen. Zwei Drittel der Erde sind schließlich von Wasser bedeckt. Einst sind unsere Vorfahren aus diesem Wasser gestiegen, nur haben wir unseren Herkunftsort seit diesem prähistorischen Landgang offenbar gründlich vergessen. Von dem, was sich am Meeresboden tummelt, schreibt Frank Schätzing in „Nachrichten aus einem unbekannten Universum“, sind bislang erst 0,0000016 Prozent erforscht.

Na dann, heuern wir an.

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